Aufgewachsen auf dem Land. Historische Aufnahmen und Geschichten über Damals im Wendland. Der Landkreis Lüchow Dannenberg als Beispiel für das Leben auf dem Lande im 20. Jahrhundert.



 

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Drei Lüchower Handwerksbetriebe 1850 bis 1950
Zimmerei Kofahl
Schlosserei Bendfeldt
Sattlerei Bohlmann

Mit Fotos und Recherchen von:
Brigitte Bendfeldt, Friedrich Bohlmann,
Michael Kablitz, Roland Lindner,
Uschi Lange, Annelore Schoepe
www.wendland-archiv.de
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Blick in die Lange Straße, aufgenommen 1931 vom Anfang der Drawehner Straße. Links zweigt die Schützenstraße ab.
Rechts nicht auf dem Foto zu sehen hat Albert Bohlmann sein Geschäft. Der Nachbar Franz Bendfeldt (das erste Haus rechts auf dem Foto) betreibt eine Schlosserei.
Die offenen Fenster links gehören zum Haus Drawehner Straße 1,  das in der Zeit, in der wir beginnen, der Familie Kofahl gehört. 
Die Geschichten dieser drei Familien sind miteinander verflochten.
 


Drawehner Str. 1 um 1900. Hier beginnt die Geschichte der Familie Kofahl. Später kauft Familie Bohlmann das Haus.

 
Diese Kofahls haben keine Verbindung zu Kofahl Wibbese. Um 1850 hat der in Bussau gebürtige  Johann Kofahl eine Sägerei und Zimmerei in der Gabelung von Georgstraße und Schützenstraße gegründet. Zu dieser Zeit gibt es dort noch keine Häuser.
Links: Johann Kofahl 1888.

Rechts:
Geschwister Carl (geb. 1860) und Minna (geb. 1855) Kofahl, Kinder des Zimmermanns Johann Kofahl.
Porträt von W. Röpke, Maler und Photograph in Lüchow.
Dieses Foto gehört zu den ältesten, die in dieser Region aufgenommen wurden und erhalten geblieben sind.

(In der Zeit um 1865 entstanden auch die Fotos der Dörfer des Wendlands für das Album der Wendlandbauern für den König in Hannover.)
 


Die Zimmerleute von Firma Kofahl richten das Gebälk für einen Hausbau. Auf dem Brett am Balken wurde notiert: "30.9.1888". Dies ist als Datum des Fotos anzunehmen. Der Seniorchef steht rechts mit Weste und Jackett. Hinten mit geschlossener Jacke der Junior Carl Kofahl.
                                                                                                                    (Später wurde an dieser Stelle das Landbundhaus gebaut.)

  Bohlmann
 
Ebenfalls um 1850 zieht Jürgen Friedrich Bohlmann mit Familie aus Gorleben nach Lüchow. Er kauft von einem insolventen Kesselhändler, der nach Amerika auswandert, das Haus gegenüber von Kofahls in der Drawehner Straße .
Sein Sohn Friedrich Bohlmann wird Sattlermeister, kann Minna Kofahl zur Frau gewinnen und deren 3000 Mark Mitgift ermöglicht ihm, das Haus umzubauen und eine Werkstatt einzurichten.
Seine Schwester Marie Anna Bohlmann heiratet 1870 den Nachbarn, Nagelschmied Carl Bendfeldt, aus einer alteingesessenen Lüchower Schmiedfamilie.
  Bendfeldt
 
Brigitte Bendfeldt berichtet über die Geschichte der Schmied- und Schlosserfamilie:

Im Wendland sind die meisten Leute irgendwie versippt und verschwägert. So heiratete ein Bendfeldt mal grade nach nebenan, eine Bohlmann.
Die Bendfeldts aus der Langen Strasse wanderten um etwa 1650 zu, wahrscheinlich aus Perleberg. In der Chronik der Stadt Lüchow, Ausgabe von 1949, kann man lesen: "...Nagelschmiedemeister Friedrich Heinrich Bendfeld war in der Familie Bendfeld der erste Nagelschmiedemeister, seine Vorfahren, mit Ausnahme seines Vaters, des Schmiedemeisters Heinrich Christoph Bendfeld, waren Brauer bzw. Branntweinbrenner. Er wurde am 7. Februar 1807 als Mitmeister in die Schmiede-Innung aufgenommen. Carl Heinrich Bendfeld, der Vater des jetzigen Schlossermeisters Franz Bendfeld, war

der letzte Nagelschmied in der Familie, er betrieb sein Handwerk, obwohl die Nagelschmiederei durch die Drahtstiftfabrikation, die in Deutschland 1840 eingeführt wurde, an Bedeutung verloren hatte, bis zu seinem Tode. Die Firma Gerlach in Salzwedel war Großabnehmer seiner vielfachen Fabrikate vom Zimmernagel und Schlossnagel bis zum Stemmnagel von 2, 3 bis 4 Zoll..."
  Kofahl
 
Im Bauboom um die Jahrhundertwende wächst die Zimmerei Kofahl.

Entsprechend wird der Briefkopf in wenigen Jahren umfangreicher:

1900: Carl Kofahl. Sägewerk, Baugeschäft und Holzhandlung

1901: Carl Kofahl. Dampfsägewerk, Baugeschäft und Holzhandlung. Dampfhäckselschneiderei und Häckselhandlung.

1905: Carl Kofahl, Zimmermeister Lüchow, Dampfsäge und Hobelwerk, Bautischlerei. Bau-, Nutz- und Brennholz-Handlung, Lager aller Arten Bretter und Bohlen. Dachpappe, Teer, Carbolineum etc.


Familie Kofahl baut sich ein
prunkvolles Wohnhaus in der Schützenstraße.



Carl Kofahl 1888

 

In der Zeit vor 1900 gibt es an der Brücke der Drawehner Jeetzel eine Mühle. (Hier auf einem Gemälde.)

Etwa 1903 wird die Brücke verbreitert. Rechts im Bild steht noch das Gebäude der Mühle. Bald darauf werden hier neue Gebäude erstellt, u. a. von Familie Kofahl.
 
Carl Kofahls Tochter Hertha besucht das Lyceum in Salzwedel und wir finden sie auf den Fotos aus dem Album von  Hanna Witte im Kreis der Lüchower Freundinnen und am Klavier bei Familie Witte in Lüchow am Markt.

1915. Hertha Kofahl, Hanna Witte.
Die Fahne, nach der man das Foto ungefähr datieren kann, hängt an einer Stange an diesem Haus.
Carl Kofahl baut für jedes seiner vier Kinder ein neues Haus, für Hertha dieses Haus in der Langen Straße an der Brücke der Drawehner Jeetzel, wo früher die Mühle stand. Hertha heiratet den Schuhwarenhändler und späteren Koch Willy Reißland, der bald als Koch arbeitet u.a. in der Wifo bei Hitzacker.
 

Carl Kofahl kann es sich leisten, viel Zeit mit seiner Leidenschaft Archäologie und Heimatforschung zu verbringen. Er ist Mitbegründer des Lüchower Altertumsvereins und Bodendenkmalpfleger. Es wird erzählt, dass er mit seiner Sammlung von alten Scherben, die er im Haus und im Garten lagert, seiner Familie "auf den Keks ging". Aber die Kinder aus der Nachbarschaft sind begeisterte Helfer und durchkämmen Feld und Flur um Lüchow herum nach alten "Schätzen".
 

Sein Sohn Kurt wird Architekt. Auch er findet ganz in der Nähe eine Frau. Er heiratet Hilde Richei aus der Georgstraße und erbt den Betrieb der Kofahls. Er gibt aber in den Zwanzigerjahren alles Handwerk und Gewerbe auf, wie aus folgendem Brief hervorgeht.


1905 ist Carl Kofahl der Schützenkönig.

Dezember 1926
Kurt Kofahl, Architekt, Bauentwürfe, Bauberechnungen, Bauleitung, Beeid. Kreisschätzer
An das Preuss. Gewerberaufsichtsamt Lüneburg
Es ist leider verabsäumt worden, dass der Abbruch der Sägerei, die meinem Vater gehörte, dem preuss. Gewebeaufsichtsamt gemeldet wurde. Mit dem im Juli aufgegebenem Sägereibetrieb wurde auch der Zimmereibetrieb wie auch der der Tischlerei und der Fuhrbetrieb aufgegeben. Es werden nun in unserem Hause keine Leute mehr beschäftigt.
Ergebenst
Kofahl

Kurt Kofahl entwirft als Architekt die Kirche in Wibbese, die 1931 fertiggestellt wird, und in den Dreißigerjahren plant er zusammen mit Schulrat Laue zahlreiche Schulneubauten in den Dörfern der Region.

  Bohlmann
 

Albert Bohlmann führt in seinem Ladengeschäft nicht nur Sattler- und Polsterer-Waren. Sein Auftragsbuch enthält neben den Arbeiten in der Werkstatt unter anderem auch dies:


1930. Schützenkönig Albert Bohlmann
1909
"16 Rollen Tapeten 4,48 Mark. 34 m Borden 1,70 Mark." Gehen an Färbermeister Huth in der Burgstraße in Lüchow.
1909
"Ein Fell 0,50 Mark. Geschirr und Zaum mit Leder und Mühen gebessert 2,30 Mark."
Für Sigmund Mansfeld in Lüchow.
1910
"Ein starkes Arbeitsgeschirr, 27 Mark".
Für Ritz in Gohlau.
1911
"Für Aufführung zu Weihnachten 3 Dutzend Schneebälle, 1 Pack Watte für bengalisches Feuer. Garderobe im August. 4,50 Mark".
Dies geht an Schulmeister Adolf Tribian in Rehbeck.
1912
"Ein Sofa neu aufgepolstert 11,00 Mark" für Cafè Rautenkranz in Lüchow.

Frieda Bohlmann, die Schwester von Albert Bohlmann, verlässt die Enge der Kleinstadt,  geht nach Hamburg und heiratet dort. Der Bruder Karl Bohlmann studiert in Bremen und wird Lehrer in Grabow.
  Bendfeldt
 

Die Nachbarhäuser von Bendfeldt und Bohlman um 1900. (Bendfeldt hat das letzte Haus der Langen Straße. Bei Bohlmann beginnt die Drawehner Straße.)
Brigitte Bendfeldt berichtet weiter:

Genannt und in Erinnerung geblieben sind in der Familie immer nur die Männer und Erben. Frauen und nicht erbende Männer gerieten in Vergessenheit. Mein Großvater Karl war so ein Nichterbe. Sein Bruder Franz übernahm die Schlosserei, er selbst wurde Beamter und zog nach Hamburg-Blankenese.

 
Er heiratete eine Witwe mit zwei halbwüchsigen Kindern, die ebenfalls aus dem Wendland stammte, nämlich aus Clenze. Mit ihr lebte er in einem Haus an der Elbchaussee, wo auch mein Vater Karl-Heinz Franz Jonny geboren und aufgewachsen ist.

1931. Schlosserei von Franz Bendfeldt.
1931. Schlosserei von Franz Bendfeldt.

Mein Vater hatte einen guten Kontakt zu seinem kinderlosen Onkel im Wendland. Er besuchte ihn oft, per Schiff von Hamburg nach Hitzacker und dann weiter mit dem Fahrrad nach Lüchow. So war es nicht weiter verwunderlich, dass auch er Schlossermeister wurde, allerdings lernte er das Handwerk noch in Blankenese.

1952, nach dem Tod seines Onkels, übernahm er im Alter von 29 Jahren das Haus mit Werkstatt und einem kleinen Geschäft für Haushaltswaren und Werkzeug. Er baute das Geschäft um, gemäß des damaligen Zeitgeschmacks.

Mein Vater holte sich seine Frau aus Westfalen. Diese ahnungslose junge Frau, die bis dato nicht mal gewusst haben wird, wie man Lüchow überhaupt buchstabiert, machte aus dem hinter dem Haus liegenden Gemüsegarten, (wie er in Ackerbürgerstädtchen üblich war) einen Blumengarten mit Rasenfläche und verstörte damit einigermaßen die Nachbarn. Die sagten angesichts dieser Verschwendungssucht nicht Gutes voraus. Aber auch das ist mittlerweile Geschichte.

Der letzte männliche Bendfeldt, also mein Vater Karl-Heinz, war Obermeister der Schlosserinnung und ein Patriarch. Ich erinnere mich, dass in meiner Kinderzeit alle zusammen Mittag aßen, die Familie und die Lehrlinge, weil die doch mit ihren 14, 15 Jahren nach Meinung meines Vaters allzu spiddelig waren und noch etwas aufgepäppelt werden mussten.
Auf dem Lüchower Friedhof lagen die Vorfahren. Wie es sich für Schlossermeistergräber gehörte, mit geschmiedeten Gittern und Türchen zum Reingehen. Mein Vater hat sie gehegt und gepflegt und immer wiedergekauft. Als er starb, durften wir ihn allerdings nicht auf einem dieser Gräber beerdigen. Es war "Bauerwartungsland" für eine neue Friedhofskapelle geworden, die allerdings bis heute nicht gebaut ist.

  Später
 

Ähnlich wie bei Bendfeldts der Neffe aus Hamburg die Schlosserei übernimmt, geht auch bei Nachbar Bohlmann der Laden an einen Neffen über.
Karl-Friedrich Bohlmann, Sohn des Lehrers Karl Bohlmann aus Grabow, übernimmt die Sattlertradition seiner Vorfahren. Da Albert und Minna Bohlmann keine Kinder haben, übernimmt Karl-Friedrich mit seiner Frau Maria, geb. Schrader aus Wittfeitzen, das Ladengeschäft in Lüchow.
Bei Kofahls führt der Sohn Hans das Architekturbüro seines Vaters Kurt Kofahl weiter. Hans Kofahl hinterlässt zahlreiche Spuren in Lüchow. Da er besonders viele Aufträge für die Stadt ausführt, spricht man bald von ihm als "Stadtarchitekt Kofahl".


Albert und Minna Bohlmann zum 75-jähriges Geschäftsjubiläum 1953

 
Anmerkung: Eine Verbindung zwischen dieser Familie Kofahl und anderen in der Website genannten Familien gleichen Namens ist nicht bekannt.
 


Auf der nächsten Seite verlassen wir die Kreisstadt und wenden uns einem der kleinsten Dörfer zu. Um 1900 inmitten von Bergbau und Industrie:

Nauden
 

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