Aufgewachsen auf dem Land. Historische Aufnahmen und Geschichten über Damals im Wendland. Der Landkreis Lüchow Dannenberg als Beispiel für das Leben auf dem Lande im 20. Jahrhundert.



 

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April 1945
Jagd auf "Spione" und "Verräter"

Karl-Heinz Schwerdtfeger 

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Die Amerikaner haben es nicht eilig, Gartow einzunehmen. Nachdem am 16. April mehrere Gebäude besonders auch auf dem Gutshof Quarnstedt in Brand geschossen wurden, flieht die Bevölkerung in die umliegenden Wälder, die Quarnstedter zum Wolfsberg und in die Siedlung im Elbholz. Der 12-jährige Karl-Heinz Schwerdtfeger läuft in diesen Tagen häufig zwischen den Lagern im Elbholz und Quarnstedt hin und her, um Lebensmittel zu holen. Als richtiger HJ-Pimpf versucht er auch, sich bei den deutschen Posten nützlich zu machen, besonders mit einem Sanitäter freundet er sich an.


Die Forstarbeitersiedlung Elbholz auf einer älteren Ansichtskarte

 
Aus seinen Erinnerungen werden hier zwei Ereignisse wiedergegeben, die nach der Veröffentlichung seines Buches durch ein weiteres Dokument bestätigt wurden. Karl-Heinz Schwerdtfeger schreibt im November 2010:
"Eine indirekte Bestätigung für zwei Begebenheiten meiner Aufzeichnungen erhielt ich mit den Tagebuchnotizen des Reserveoffizier-Bewerbers, Grenadier Hannemann."
  Grenadier Hannemann kam am 12. April 1945 in einer Gruppe von 10 Mann über Vasenthien, Gedelitz nach Gorleben. Dort wurde er in eine Kompanie des Regiments z.b.V. 901 eingegliedert.
Tagebuch als Word-Datei
Aus: Kriegsende im Wendland. Band I
"Die Bewältigung der ca. vier Kilometer langen Strecke zwischen Elbholz und Quarnstedt erfordert selbst bei stramm vorgelegtem Tempo die Zeit von ungefähr 45 Minuten. Auf Höhe der südlichen Schaugrabenbrücke angekommen vernehmen wir trotz Ratterns der Handwagenräder Schüsse von Handfeuerwaffen aus Richtung Meetschow-Gorleben. Wir halten und lauschen. Da steigen drüben bei Gorleben Leuchtkugeln auf, rot und grün. Als die dann zu Boden geschwebt sind, ist alles wieder still.
Ich blicke den Sani fragend an und der antwortet bedächtig „Es kann ein blinder Alarm gewesen sein. Da drüben liegt die Nachbareinheit. Vielleicht ist ein feindlicher Spähtrupp beschossen worden. Möglich wäre es. Das ist aber insofern nicht verständlich, weil der bevorstehende Angriff der Amis von Südosten her erwartet wird! "
Aufmerksam beobachte ich den Sani, hänge an seinen Lippen. Wegen eigener Unerfahrenheit muß man eine Bezugsperson haben. Er ist meine Bezugsperson. Erstmal machen wir eine Ruhepause. Knabbern fades Knäckebrot. Mit seinem Taschenmesser zerteilt er dann Trockenmarmelade in kleine Riegel, die wie Bonbons aufgelutscht werden. Wir lehnen mit den Rücken an den Panzerminen mit Blickrichtung Gorleben und jeder knabbert oder lutscht vor sich hin. ... "
Am nächsten Tag (20. April 1945) morgens berichtete mir Sani-Paul auf meine Nachfrage, ihm sei erzählt worden, da drüben bei der Nachbareinheit seien drei mit Pistolen bewaffnete Polen von den Posten aufgegriffen, als sie aus dem Wald kamen. Sie hätten amerikanische Zigaretten und Verpflegung bei sich gehabt. Sie seien dann sofort erschossen worden. Wollten wohl abhauen, ausbrechen, stiften gehen und seien „auf der Flucht erschossen!"

Aus dem Tagebuch von Hannemann (19. April 1945) :
„ Gemeldet wurde, es laufen Spione für die Amis in der Gegend herum. Ich fahre mit Krad nach Laasche und suche nach den vermeintlichen Spionen. Ohne Erfolg. Erst am nächsten Tag werden drei bewaffnete Spione (Polen) geschnappt und erschossen. Sie kamen offenbar vom Forsthaus Wirl und hatten außer deutschen Pistolen amerikanische Zigaretten und Verpflegung bei sich. ... "

Aus: Kriegsende im Wendland. Band I
"Gerade als ich gegen Abend von der Kartoffelmiete komme und durch das Nordtor zum Gutshof Quarnstedt zurückkehre, lehnt der Gartower Bürgermeister Theo Beyer sein Fahrrad unter dem Bürofenster an die Hauswand. Bin völlig verblüfft, weil er seit Sonntag der erste Gartower Besucher auf dem Gutshof ist. Hat keine nassen Hosenbeine, also kann er nur beim Schlosspark über die sogenannte „ Englische Brücke" gekommen sein. Sonst hätte er die Seege durchwaten müssen und hätte nasse Beine gehabt.
Der Bürgermeister scheint sehr bedrückt und nervös, nickt mir zur Begrüßung nur kurz zu. Gemeinsam betreten wir das Büro. Vater sitzt am Telefon und blickt überrascht auf.
(Erstaunlich ist die Tatsache, dass die Telefonleitungen nach dem Großbrand nicht unterbrochen worden sind, obwohl die Telefonmasten teilweise verbrannten und die Leitungen am Boden hingen! Vater versucht täglich, telefonische Verbindung zu den Nachbardörfern zu halten.)
Grußlos stößt Theo Beyer hervor: Otto hilf mir! Sie suchen mich! Otto, ich muss mich irgendwo verstecken! Der Leutnant und die Soldaten wollen mich an die Wand stellen! "
„Nun beruhige dich erstmal! Warum will man dich an die Wand stellen?"
Stotternd und sehr hastig berichtet Bürgermeister Beyer, er habe heute Mittag Gartow den Amerikanern übergeben müssen. Die Amis hätten seine Unterschrift zur Übergabe von Gartow verlangt. Sie hätten auch verlangt, dass sofort an jedem Haus eine weiße Fahne anzubringen sei. Vater ist offensichtlich erschüttert. „Menschenskind Theo, hast du etwa eine Kapitulationsurkunde unterschrieben?"
Was hätte er denn anderes tun können, er sei doch von den Amis dazu gezwungen worden, sagt Beyer hilflos. „Bist du von allen guten Geistern verlassen, Theo? Du weißt doch, was weiße Fahnen bedeuten!"
Natürlich wisse er das, aber kein Mensch habe ahnen können, dass die Amis s aus Gartow gleich wieder abziehen, rechtfertigt sich Beyer. „Die hatten Gartow besetzt und sind nun wieder verschwunden?", will Vater bestätigt haben. Richtig, aber gleich darauf seien deutsche Soldaten von der Springstraße in die Telschow-Straße nachgerückt. Sie hätten wütend alle weißen Tücher herunter gerissen. Ein Mann aus der Springstraße sei mit dem Fahrrad zu ihm gekommen und habe ihn gewarnt, dass die Soldaten ihn suchen. Daraufhin sei er sofort abgehauen.
Atemlos vor Aufregung keucht Theo Beyer: „Ich muss mich verstecken! Otto, hilf mir! Die stellen mich sonst an die Wand! " Unser Bürgermeister scheint mit seinen Nerven am Ende zu sein. Ich weiß, dass Vater seinen Freund Theo nicht im Stich lassen wird. Weiß auch, dass sich Vater damit selbst in Lebensgefahr bringt, wenn er ihm hilft. Aber darüber hinaus weiß ich, dass ein Dritter weder von den Beratungen noch von dem vorgesehenen Versteck Kenntnis haben darf. Nur dann kann er nie in Verlegenheit kommen, das Versteck zu verraten.
(Woher ich das mit meinen 12 Jahren weiß? Nach dem 20. Juli 1944, als das große Denunzieren in unserem 'Großdeutschland' begann, da hat es mir Vater genau erklärt.)
Um die Beratungen der Freunde nicht mithören zu müssen, verlasse ich unverzüglich das Haus. Ich werde nie erfahren, wo sich der Bürgermeister Theo Beyer anschließend versteckt hielt, so dass er von den Häschern nicht erwischt wurde. "

Aus dem Tagebuch von Hannemann (18. April 1945) :
„... Am Nachmittag Spähtrupp nach Forsthaus Falkenmoor. Auftrag:
Erschießung des Bürgermeisters von Gartow. Er selbst ist nicht mehr dort, finden ihn nicht, aber wir nehmen seinen PKW mit. ... "

Aber mit der Besetzung des Wendlandes und unserer anschließenden Zwangsevakuierung aus den elbnahen Dörfern war die Lebensgefahr für Theo Beyer noch nicht vorbei.

Am 22. April kehren die Flüchtigen zunächst aus dem Elbholz nach Quarnstedt zurück. Alle Dörfer in der Nähe der Elbe werden von den Amerikanern gleich nach der Besetzung komplett evakuiert. Die Gartower und Quarnstedter müssen am 23. in einem Treck nach Lomitz ziehen. Schwerdtfeger berichtet ausführlich von den zwei Wochen in Lomitz. Ein Ausschnitt seines Berichts bezieht sich noch einmal auf den Bürgermeister Theo Beyer.

  Der "Werwolf" in Lomitz

   
 

Das Tagebuch von Grenadier Hannemann als Word-Datei      

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