Aufgewachsen auf dem Land. Historische Aufnahmen und Geschichten über Damals im Wendland. Der Landkreis Lüchow Dannenberg als Beispiel für das Leben auf dem Lande im 20. Jahrhundert.



 

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Die Amerikaner kommen.
April/Mai 1945 in Grabow

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Bevor das große Vergessen und Verdrängen einsetzt und dieses auch auf den späteren Seiten den überwiegenden Raum einnimmt, soll hier noch mit weiteren größeren Texten ein Blick auf den April 1945 geworfen werden. Besonders die Tagebucheintragung von Elfriede Grebien Anfang Mai 1945 ist eine authentische Wiedergabe der Gefühle beim endgültigen Zusammenbruch. Ich erinnere daran, dass Elfriede einige Jahre älter als ihre Schwester Lydia ist und schon 1938 große Zweifel am NS-Regime notiert hat. Aber auch sie war in einen Soldaten verliebt, ja in einen Soldaten, der mit großer Überzeugung die NS-Politik vertrat.
Den Text weiter unten hat Lydia später aus der Erinnerung aufgeschrieben. Er klingt deshalb erheblich unbeschwerter.
 

Elfriedes Tagebuch:

"Im Mai 1945 geschrieben über Weihnachten 1942
Was liegt alles dazwischen! Immer noch ist Krieg. Damals wütete der Kampf jenseits der deutschen Grenzen. Heute erlebt das ganze deutsche Volk die Schrecken und das wirre Chaos dieses unglückseligen Krieges an sich selbst. Wie war es nur möglich, dass Erfindung, Technik, geistige und körperliche Tüchtigkeit der Menschen, ja ganzer Völker sich so ganz in den Dienst einer sinnlosen Menschenvernichtung stellt! Warum wurde nur dieses Feuer entfacht? Warum nur der Hass und der Vernichtungswahnsinn immer mehr geschürt? Gibt es denn kein reines edles Menschentum mehr? Warum lassen sich immer mehr Völker in den wirren Strudel des Krieges hineinziehen? Gibt es niemanden, der endlich Einhalt gebietet?
Wie viele Fragen könnte man noch stellen, auf die die Männer dann nur antworten: Politik! Und wir Frauen denken heimlich: Blödsinn! Sagen es aber nicht. Die Männer wollen ja doch die Schlausten sein. Ich meine solche Männer, denen der Krieg ein willkommenes Erleben ist. Er verspricht ihnen die ersehnte Freiheit. Uns wird dann der Idealismus des Krieges in schönen Worten aufgetischt, bis wir es vielleicht glauben oder achselzuckend von solcher schönen Rede gehen. Bis es schließlich soweit kam, dass man diese Redner nicht mehr achtet, sondern beginnt zu hassen. Deswegen hasst, weil sie selbst dann noch in Phrasen sprechen, wenn wir unser bestes gaben. Wenn eine Mutter ihren einzigen Sohn gab, wenn zwei Schwestern den einzigen Bruder nicht wiedersehen, wenn ein Vater seinen einzigen Erben verliert! Für Deutschlands Größe, für Deutschlands Zukunft, für Deutschlands Blütezeit. Wenn das wenigstens stimmen würde! Aber so? Alles Bluten und Sterben ist so sinnlos geworden!"
 

"Bei Kaisers abends um 7:40 Uhr am 8. Mai 1945
Soeben komme ich vom Dorfplatz zurück. Vor einer halben Stunde wurden wir dorthin gerufen. Amerikanische Soldaten, die unser Dorf besetzten, benachrichtigten uns. Es hieß:
Auf dem Dorfplatz gibt es eine wichtige Mitteilung. Alle strömten dort hin. An der Ecke vor Peters Haus hielt ein Auto mit einem Lautsprecher. Es wurde folgendes in deutscher Sprache bekannt gegeben:
„Heute am 8. Mai ist Waffenstillstand eingetreten. Es ruhen die Waffen an allen Fronten im Westen und Osten und auch an allen sonstigen Kriegsschauplätzen, auch in Norwegen und der Tschechoslowakei. Deutschland hat überall bedingungslos kapituliert. Die bedingungslose Kapitulation wurde in einer französischen Stadt (Rouen) unterzeichnet. Dönitz hat mit dem heutigen Tage jede Tätigkeit des Wehrwolfes und sonstigen Widerstand verboten. Wer trotzdem Widerstand leistet, wird von uns als Franktireur, als Heckenschütze, behandelt und sofort erschossen. Es ist oft gesagt, dass wir nicht gekommen sind, um das deutsche Volk zu versklaven. Aber es wird von jedem erwartet, dass er keinen Widerstand mehr leistet, sondern seine Kräfte anderes nützlich macht: durch seine Hilfe beim Wiederaufbau. Es ist eine Aufgabe für uns, alle Flüchtlinge wieder zurück zu führen, die aus den bombardierten Städten geflohen sind. Es ist eine schwere Arbeit, die durch geleisteten Widerstand des deutschen Volkes nur noch erschwert würde.
Es gehe nun jeder an seine Arbeitsstätte zurück und denke einige Minuten darüber nach, was in den letzten sechs Jahren geschehen ist."

Erschüttert ging wohl jeder ernst denkende Deutsche an seine Arbeit zurück. Wie anders hatte man uns das Ende des Krieges ausgemalt! Wie ganz, ganz anderes! Wie sinnlos ist nun jedes Opfer geworden. Warum hat unsere Führung aus geachteten Deutschen geächtete Deutsche gemacht?
 

Grabow. Weg vom Rott. Postkarte von etwa 1949. Rechts steht ein neues Haus an der Stelle, wo sich zuletzt noch deutsche Soldaten zu einem widersinnigen Endkampf verschanzt hatten, was mit der völligen Zerstörung des alten Hauses endete.


Lydia erzählt vom Mai  1945 in Grabow.

Die Amerikaner kommen

Die amerikanischen Panzer fuhren alle Straßen ab und besetzten das Dorf. Dies geschah am 22. April 1945. 
Nach einer Weile konnten wir aus unserem Versteck vorkommen. Jetzt sahen wir, daß dort, wo die Deutschen geschossen hatten, die Häuser brannten. Das Haus von Onkel Heinrichs Bruder Adolf am Weg zum Rott war total zerstört. Vater kam aus den Wiesen zurück und sagte, ihn hätte es dort beinahe erwischt. Denn aus dem abgelegenen Hof von Braunschweigs (Grabower Mühlenschulz) hatten auch deutsche Soldaten geschossen. Dort brannte die Scheune ab. 
Die Amerikaner nahmen die deutschen Soldaten gefangen, die sich im Dorf aufhielten und sperrten sie bei uns auf der Diele ein. Sie wurden streng bewacht. Trotzdem versuchte Elfriede, ihnen Decken zu bringen. Sie wurde aber trotz ihrer Englischkenntnisse hart abgewiesen.
Das ganze Dorf hatte sich ergeben. Der Captain ging zum Bürgermeister, der Parteimitglied war, als Nazi galt und deshalb seinen Posten los wurde. Ein Parteiloser wurde gesucht. Das war mein Vater und er musste die Bürgermeisterei übernehmen. 
Eines Tages musste ich für die Bürgermeisterei zur amerikanischen Kommandantur nach Dannenberg. Auch der Lehrer musste dorthin. Wir fuhren beide die 11 km mit dem Fahrrad. Auf dem Hinweg sagte er immer wieder: "Denk auch daran. Wir dürfen nicht den Arm heben und mit `Heil Hitler´ grüßen!" Das war uns ja so in Fleisch und Blut übergegangen, dass wir Mühe hatten, es zu unterlassen. Als wir uns nach dem getrennten Besuch bei der Kommandantur wieder trafen, mussten wir beide gestehen, dass wir den Arm schon hoch aber Gott sei Dank nichts gesagt hatten. Da sahen die Amis drüberweg. Doch mein lieber Lehrer, den wir alle im Dorf sehr schätzten, lebte in Angst vor dem Internierungslager der Entnazifizierung. Noch bevor sie ihn einsperrten, starb er plötzlich am Frühstückstisch.
Eines Tages wollten die Amis, daß die großen Häuser geräumt würden. Wir mußten auch raus. Unser Haus wurde Feldküche. In der Gaststube wurde das Fleisch auf den Tischen zerhackt und von den Gardinen wurden Putzlappen gemacht. Auch den Laden sollten wir räumen. Das war wirklich schwierig. Unsere Kunden, hiesige und fremde, boten sich an, uns zu helfen. Es sollte alles zu Kaisers gebracht werden. Dabei wurden wir sehr bestohlen. Von unserem selbstgemachten Wein sahen wir nichts wieder. Das Verrückte war, daß wir am nächsten Tag unseren Laden wieder einräumen durften. Die dies erlaubten, waren nicht dieselben, die das Ausräumen angeordnet hatten. Elfriede und ich konnten nun weiter im Laden verkaufen. Vater und Mutter durften weiterhin ihr Vieh versorgen. Gewohnt  haben wir aber bei Tante Emma.
Wir kamen auch mit den Amis ins Gespräch: Sie verängstigten uns dauernd, indem sie uns versicherten, daß unser Kreis zu den Russen käme. Sie würden eine schnurgerade Grenze ziehen und nicht die Elbe als Grenze nehmen. Bis zur Elbe wurde das ganze Ostgebiet von den Russen besetzt. Elfriede und ich packten uns einen Rucksack. Außen hängten wir uns einen Kochtopf an. Wir wollten auf keinen Fall unter russische Besatzung geraten. Wir hatten furchtbare Angst vor den Russen. 
Wir waren uns noch nicht einig, wo wir in diesem Fall hinwollten. Ich wollte nach Quakenbrück zu Walter Heilmanns Eltern und sie wollte nach Hedeper, wo ihr Verlobter Ernst zu Hause war. Auf keinen Fall wollte ich nach Hedeper. Das lag mir zu dicht an der Grenze zum russisch besetzten Teil. 
Unser Dorf war voller Flüchtlinge. Auf dem Obergut bei von Platos waren ca. hundert Menschen, davon 28 Kinder, die in großen Trecks gekommen waren und alle ernährt werden mußten. Herr und Frau von Plato bewältigten dies mit Hilfe der Flüchtlinge sehr gut. Das Schloß wurde später Kriegsversehrtenheim.

Nach dem völligen Zusammenbruch des deutschen Reiches kam die Hungersnot. Wir waren zwar nicht davon betroffen, aber in unserem Laden wurde jetzt auch alles knapp. Wir konnten keine Ware mehr bekommen und konnten unseren Kunden fast nichts mehr auf ihre Marken verkaufen. 
Da kam ein Telefonanruf : "Sie können Zucker, Mehl und Rosinen bekommen, wenn Sie die Ware von Hamburg holen." Das wäre ja ganz wunderbar, doch wie sollten wir das herkriegen? Hamburg ist von uns 120 Kilometer entfernt und keiner hatte einen Lkw oder ein entsprechendes Fahrzeug, die Ware zu holen. Benzin oder Dieselöl gab es ja auch nicht. Wir taten uns mit den Kaufleuten aus anderen Dörfern zusammen. Sie wußten Rat.

Ein Bauer, Kaiser aus Lüsen, wollte uns mit seinem Holzgastrecker und Anhänger nach Hamburg bringen. Meine Mutter sagte mal wieder: "Fahr du man mit!" 
Morgens früh ging es los. Wir kamen ganz langsam voran. Zwischendurch, wenn wir nicht mehr sitzen konnten, stiegen wir ab und gingen zu Fuß neben dem Trecker her. Als es dunkel werden wollte, und wir gerade bis Lüneburg waren, sagte der Treckerfahrer: "Ihr wißt ja, daß wir um zehn von der Straße sein müssen." (22 Uhr war Sperrstunde.) "Wir bleiben die Nacht auf dem Schützenplatz. Legt euch mal auf dem Anhänger mit euren Decken zum Schlafen hin. Morgen früh geht es dann weiter." 
Als wir morgens aufwachten, sahen wir viele Wagen von Schaustellern u.a. Hatten die hier die ganze Kriegszeit verbracht? In guten Zeiten standen die Schausteller mit Luftschaukel, Kettenkarussell, Schießbuden und Honigkuchenbuden auf den Schützenfesten. Wovon lebten die wohl jetzt? Da erkannte mich eine Frau aus dem Honigkuchenwagen, die in Friedenszeiten bei uns in Grabow auf den Festen gewesen war: "Komm rein zu mir und bring noch Frauen mit. Ich mache euch Kaffee." Und so tranken wir in ihrem Wagen heißen Kaffee. Wie hat uns das gut getan! Und dann ging es weiter nach Hamburg. 
Wir brauchten wieder fast einen Tag bis wir dort waren. Als wir nun durch die Stadt tuckerten, standen uns die Tränen in den Augen. Hier war ja alles kaputt bombardiert. Ob wir unseren Großhandelskaufmann wohl finden würden? Das schien fast unmöglich. Aber der Treckerfahrer kannte sich aus. Wir kamen wirklich an einer großen Halle an, die unzerstört war. Wir bekamen tatsächlich über unsere Bezugscheine die Ware ausgehändigt. Die Nacht blieben wir in Hamburg, schliefen wieder auf unserem Anhänger. Am nächsten Tag ging es wieder zurück. Wieder die Nacht auf dem Schützenplatz in Lüneburg und somit waren wir nach 4 Tagen wieder zu Hause. 
Der Zusammenbruch war eine große Enttäuschung für mich, aber durch das viele Leid, das Hitler uns brachte, war diese Zeit für mich abgetan. Auch für die Politik zeigte ich kein Interesse mehr.
                                                                                                           Copyright,1999,   Lydia Kulow

 

Elfriedes Tagebuch endet mit einem Nachtrag, der in kurzen Notizen Lydias Erzählung bestätigt:

"Grabow am 5. November 1947
Beim Aufräumen des Schreibtisches fiel mir heute ein Kalender von 1945 in die Hand, in dem ich derzeit Folgendes notiert hatte:

Sonntag, den 22. April 1945:
In den Morgenstunden Räumung unseres Hauses. Von fern her, dann näher kommend, Schüsse vernehmbar. Aufenthalt bei Tante Emma im Keller. Plötzlich aufsteigender Rauch. Es brennt! Eine Scheune vom Untergut, das Wohnhaus von Senta Kaiser und die Scheune von Braunschweig fielen den Flammen zum Opfer. Vom Kellerfenster aus erblicken wir dann den ersten amerikanischen Panzer, gleich darauf in allen Häusern amerikanische Soldaten. Als wir zurückkamen, war auch unser Haus voller amerikanischer Soldaten.
Montag, den 23. April 1945:
Amerikanische Flugzeuge in den Grabower Wiesen gelandet.
Anschläge der alliierten Militärbehörde: Ausgangssperre etcetera.
Räumung Untergut bis 11:00 Uhr innerhalb einer Stunde. Fotos, Munition und Waffen abgeben.
Dienstag, den 24. April 1945:
Noch einmal vier Autos mit deutschen Soldaten, doch leider als Gefangene.
Bisher auf dem Untergut gearbeitete Russen mit Pferden und Wagen vom Untergut fort. Widerstand? Nicht möglich.
Erste Amerikaner bedienen sich selbst in unserer Gastwirtschaft: ein Weißer und ein Neger.
In der Nacht vom 23. zum 24. April 1945 Vergewaltigungen. Stube geräumt für eventuellen Einzug von Mellenthin.
Mittwoch, den 25. April 1945:
Deutscher Soldat, Unteroffizier Blume, Halle, in der Grabower Feldmark tot aufgefunden (Kopfschuss). In der Nacht haben Lydi und ich aus Sicherheitsgründen im Saaldachgebälk geschlafen.
Auf dem Saal ausgerückte Russen!
Donnerstag, den 26. April 1947
Auf dem Saal ausgerückte Polen. Es wird erzählt, Dannenberg, Hitzacker und sämtliche Ortschaften an der Elbe sind zu räumen. Grund: Artilleriebeschuss von jenseits der Elbe, Kämpfe in Aussicht, wahrscheinlich Russen im Anmarsch.
Freitag, den 27. April 1947:
Amerikaner verlassen das Untergut, Einzug von Frau von Blottnitz.
Eintreffen von Flüchtlingen aus Langendorf, Gaststube von ihnen belegt, und auf dem Saal sind immer noch die Polen.
Immer noch Ausbleiben des Milchwagens. Lydia versucht daher, Butter fürs Geschäft zu holen, kehrt aber auf halbem Weg wieder um, da zu viele Amerikaner auf der Straße sind, auch Wagen.
Sonntag, den 29. April 1945
Zum ersten Mal für den amerikanischen Kommandanten übersetzt. In Beutow und bei Winterhoff.
Donnerstag, den 3. Mai 1945
Wir mussten räumen. Um ein Uhr benachrichtigt, um 3:00 Uhr fertig sein. Quartier bezogen bei Tante Emma. Ferner mussten räumen: Bohlmann, Krause, Teichmann, Walter Wolfrat und Untergut."
 

 

Ein weiterer Bericht liegt von Arnold Jacobs vor, der von seinen Wahrnehmungen als Kind in Gorleben erzählt. Das Dorf gehört zum deutschen "Brückenkopf Lenzen", den die Wehrmacht einige Tage verteidigt, um versprengten Einheiten den Rückzug über die Elbe zu ermöglichen.

  Das Kriegsende in Gorleben .

 

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