Aufgewachsen auf dem Land. Historische Aufnahmen und Geschichten über Damals im Wendland. Der Landkreis Lüchow Dannenberg als Beispiel für das Leben auf dem Lande im 20. Jahrhundert.



 

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April 1945 in Lomitz
Jagd auf "Verräter"

Von Karl-Heinz Schwerdtfeger

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Am 28. April ist der Krieg noch nicht zuende, aber im Landkreis finden keine Kämpfe mehr statt. Lomitz ist überfüllt mit den Evakuierten aus Gartow.
Karl-Heinz Schwerdtfeger berichtet in „Kriegsende im Wendland" Band I von einer erschreckenden Begegnung.


Lomitz auf einer älteren Ansichtskarte

"Am Tage nach dem erschütternden Vorfall mit Willi Jagow, irgendwann im Laufe des Nachmittags, kommt auf der Dorfstraße ein Mann auf unseren Hof zu.
Der Besucher geht zielstrebig auf die Zaunpforte zu und ich erkenne ihn schon von weitem. Es ist der „ KZ-Kapo- Werwolf", der in Kapern den Bürgermeister Wilhelm Bäthke auf so unmenschliche Weise ermordet hat. Der am 20. April Förster Klockmanns Vorratskeller in Quarnstedt ausgeplündert hat. Der Günstling des SS-Untersturmführers. Der, wie er angab, „sieben Jahre unschuldig für seinen geliebten Führer" hinter Gittern verbringen mußte! Was will der widerliche Mensch hier in Lomitz, frage ich mich alarmiert. Mit den Augen verfolge ich ihn. Mit freundlichem Gesichtsausdruck betritt er den Hof. Geht an den beiden Amis (die am Zaun mit der hübschen englischsprechenden Bremerin Edith offenbar verliebt quatschen), und an mir grußlos vorbei und bewegt sich schnurstracks auf meinen Vater zu, der sich weiter hinten auf dem Hof bei der Scheune aufhält.
Meine Nerven sind gespannt, in meinem Kopf läuten alle Alarmglocken Sturm. Mein Alter wird blaß, als er den Mann entdeckt. Sein Gesicht verrät Verblüffung und Ablehnung. Wenn auch zögernd ergreift Vater dann doch die zur Begrüßung ausgestreckte Hand des unwillkommenen Besuchers.
Ich bleibe 10 Schritte hinter dem Ankömmling stehen und weiß nicht, was ich unternehmen soll. Da läuft ein Mörder frei und ungehindert in der Gegend herum! Was soll ich tun, was kann ich unternehmen? Argwöhnisch beobachte ich, wie der „ Werwolf" auf Vater leise einredet. Es ist nicht zu verstehen worüber gesprochen wird, aber anscheinend will er Vater nicht ans Leder. Aus den Augenwinkeln beobachte ich die anderen Hofbewohner. Alle verhalten sich sehr beschäftigt. Das ist sehr ungewöhnlich, denn üblicherweise ist jeder Besucher auf dem Hof im Handumdrehen von 10 bis 20 Leuten umringt. Keiner spricht laut. Und ich fühle, daß alle Erwachsenen in kürzester Zeit informiert sind : „Ein Werwolf ist da! Vorsicht!" ... ... Als der Werwolf sagt, er müsse Vater etwas fragen, und die beiden daraufhin in die Scheune gehen, schließe ich mich ihnen schnell an. Etwa eine Sekunde lang blickt mich der KZ-Kapo- Werwolf prüfend an, dann darf ich mich anschließen.
In unserer Unterkunft in der Scheune am Strohlager stehend läßt er die Katze aus dem Sack. Er will den jetzigen Aufenthaltsort des Gartower Bürgermeisters Beyer wissen. Mein Vater versichert ihm glaubhaft, er wisse nicht, wo sich Bürgermeister Beyer aufhält. Was er denn von dem Bürgermeister wolle, fragt Vater.
Der sei zum Tode verurteilt, weil er gegen das Kapitulationsverbot verstoßen habe.
Der habe Gartow dem Feind übergeben. Deshalb müsse er als Volksverräter liquidiert werden. Anscheinend nicht nur mir sondern auch Vater stockt der Atem. ...
(Gottseidank weiß der KZ-Kapo-Werwolf nicht, daß Theo Beyer einer der engsten Freunde meines Vaters Otto Schwerdtfeger ist!)
... Aber ohne Pause fragt der unsymphatische Werwolf nach den jetzigen Aufenthaltsorten von zwei weiteren Männern und einer Frau aus Gartow.
Vater tut so, als überlege er angestrengt. Er wisse nicht, in welches Dorf die evakuiert worden seien. In Lomitz befänden sie sich jedenfalls nicht, lügt Vater ihn glaubhaft an. ...
... Was die denn 'verbrochen ' haben, möchte mein Alter Herr wissen.
Der Werwolf zählt auf : Sabotage durch Behinderung unserer kämpfenden Truppe, Hissen weißer Fahnen, Mißachtung militärischer Befehle, Wehrkraftzersetzung durch Aufforderung zur Kapitulation. Alle Volksverräter würden auch im vom Feinde besetzten Gebiet aufgespürt, gefunden und dann erledigt!
Mir wird fast übel und Vater scheint es die Sprache verschlagen zu haben. Die Gedanken rasen mir durch den Kopf. Die beiden gesuchten Männer wohnen in der Hahnenberger Straße in Gartow und die Frau wohnt in der Telschow-Straße. Mein Alter wird sie alle drei gut kennen. Ich werde überhaupt nicht gefragt. Von mir hätte der Mensch nichts erfahren, selbst wenn ich gewußt hätte, wo sich die von ihm gesuchten Personen aufhielten. Wußte ich aber nicht!
... Kurz darauf spaziert der Werwolf lässig über den Hof, an den beiden Amerikanern vorbei auf die Dorfstraße und geht in Richtung Prezelle davon.
... Man muß sich die Situation mal vorstellen:
Da wissen mindestens 150 Leute in Lomitz (wahrscheinlich noch weitaus mehr), daß sich ein Werwolf, ein Mörder, im Dorf befindet. Aber weder Deutsche noch Ausländer zeigen den bei der Ami-Kommandantur an, um ihn aus dem Verkehr ziehen zu lassen! Wenn jemand den Verbrecher anzeigen würde, dann würde ich keinen Finger rühren, um das zu verhindern. Aber selbst würde ich keinen Werwolf an den Feind verraten, denn das wäre ja dann Verrat an Deutschland!
Sogar diesen mir höchst unsymphatischen Menschen, der für uns alle so gefährlich werden kann, würde ich nicht verpfeifen....
... Ich denke, diese Angelegenheit müssen wir Deutsche später selbst ins Reine bringen.
Die Amis haben damit nichts zu tun. Ich werde das Gesicht unter tausenden wiedererkennen und bin zu diesem Zeitpunkt überzeugt, daß dieser gefährliche Mensch später einmal vor ein deutsches Gericht gestellt werden wird. Welch eine Illusion!...
... Ich möchte mal behaupten, daß dieses gestrige menschenlebenverachtende Abknallen unseres Melkers Willi Jagow, der vielleicht nur fünf Minuten nach der Ausgangssperre von der Kuhkoppel heimkam, jeden Lomitzer davon abhält, zu den Amerikanern zu gehen, um den Werwolf anzuzeigen. ... Eine tiefe Abneigung von den Dorfbewohnern und von uns Zwangsevakuierten , Deutsche wie Ausländer, gegen die überheblichen amerikanischen Sieger ist durch die gestrige Bluttat entstanden!
Alle verhalten sich deshalb reserviert bis feindlich gegenüber den amerikanischen Soldaten.... ..
Fazit:
Bürgermeister Theo Beyer befand sich seit dem 17. April 1945 (als er für Gartow die Kapitulationsurkunde unterschreiben mußte) bis zum Waffenstillstand am 8. Mai 1945 ständig in Lebensgefahr. Er mußte drei Wochen lang versteckt bleiben und hat gottseidank überlebt.
Aufenthaltsorte der zwei in der Hahnenberger Straße wohnenden Gartower sowie der in der Telschow-Straße wohnenden Frau wurden offenbar dem KZ-Kapo-Werwolf nicht verraten. Vielleicht wußten diese drei nicht einmal, in welcher Lebensgefahr durch ihre unbedachten Äußerungen sie sich befanden. Möglicherweise erfuhren sie das auch nicht einmal nach dem Kriegsende.
Die drei bewaffneten Polen, die am 19. April 1945 aus dem Walde kommend dann als Spione erschossen wurden, wohnten in Meetschow. Damit befand sich der Bürgermeister von Meetschow ebenfalls in Lebensgefahr, weil er ja das Wohlverhalten seiner Ausländer hatte garantieren müssen.(„Sie haften mit Ihrem Kopf, falls Ihre Ausländer dummes Zeug machen sollten!") Er wurde aber meines Wissens zu seinem Glück nicht angeklagt oder zur Rechenschaft gezogen.
 

 

 

Nach der Einnahme Gartows stoßen die Amerikaner am Höhbeck, dem Kern des "Brückenkopf Lenzen" auf stärkeren Widerstand. Einige amerikanische Frontsoldaten haben ihre Berichte Karl-Heinz Schwerdtfeger zur Verfügung gestellt. Er hat die entsprechenden Kapitel aus seinem Buch für diese Website ausgewählt.

Pevestorf 1

 

   

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