Aufgewachsen auf dem Land. Historische Aufnahmen und Geschichten über Damals im Wendland. Der Landkreis Lüchow Dannenberg als Beispiel für das Leben auf dem Lande im 20. Jahrhundert.



 

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Die 30er Jahre in Grabow im Wendland
Zunächst mit Kinderaugen betrachtet

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Einige Reklame  entnommen aus:
http://www.blech- schilder.de

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 



 

 

 

 

 

 

 

Lydia erzählt:
"Es hieß nicht Werbung, sondern Reklame. Es gab die sehr schönen Reklameschilder aus Blech: "Persil bleibt Persil". Auch für Bier gab es solche Reklame. Unser Haus war innen und außen damit dekoriert. Das Schönste war aber, wenn der Erdal-Reklame-Mann kam. Er ging auf Stelzen und mit einer großen Glocke klingelte er die Dorfbewohner zusammen. (siehe rechte Spalte). Das war ein Spaß für uns Kinder. Es gab viele Geschenke: "Jojo", Brummkreisel, kleine Schachteln Schuhcreme, Fähnchen. Meine Mutter kaufte dann für den Laden viele Sorten Schuhcreme, Stiefelfett und Bohnerwachs von Erdal ein.

Was war sonst noch los in unserem Dorf? Einmal im Jahr kam der Schneidermeister Brille. Er nähte Herrenanzüge und Damenkostüme und brachte hierfür auch die Stoffe mit. Alles, was er anfertigte, saß gut und war sehr akkurat genäht. Meine Mutter ließ auch bei ihm für meinen Bruder 1935 den Konfirmationsanzug und später 1938/39 für ihn einen Anzug nähen, den er sonntags mit Oberhemd und Krawatte trug. Hübsch sah er aus damit. Hatte Schneidermeister Brille nun seine Arbeit getan und sich im Dorf sein Geld verdient, kam er in unsere Gaststube und trank und trank tagelang. Sein Anzug glänzte vor Dreck. Ich fand es schrecklich. Wenn Mutter ihn erinnerte, er solle doch nicht seinen ganzen Verdienst vertrinken, schließlich müsse er doch neue Stoffe kaufen, war er beleidigt und ging in die andere Gaststätte. Es gab damals noch eine zweite – die Bahnhofsgaststätte Wolf, die hatten auch noch die Post dabei.

Manchmal kam auch ein Fotograf. Der hatte einen tanzenden Bär mitgebracht, der trommelte die Dorfbewohner zusammen und viele ließen sich mit dem Bären oder auch ohne ihn fotografieren. Wenn meine Mutter sagte: „Komm, du sollst geknipst werden“, lief ich weg, ich dachte das "Knipsen" tut weh. Deshalb gibt es auch kein Bild von mir als kleines Mädchen.

Ja, und dann kam der Glasbläser. Auch der holte die Leute zusammen. In unser Gaststube führte er seine Kunst vor. Es faszinierte mich sehr, welche wunderschönen Glasfiguren in herrlichen Farben durch das Blasen mit dem Mund entstanden. Ich durfte mir einmal kleine, längliche Blumenvasen mit vier klitzekleinen Füßchen kaufen. Die habe ich lange gehütet und damit den Tisch zu besonderen Anlässen geschmückt.

Ja, und dann hieß es: „Der Pötter ist da!“ Das war ein ganz großer Wagen mit Töpfen, Pfannen, Eimern, Kannen und Sieben, mit einer riesigen Auswahl von Haushaltsgegenständen rundherum bestückt. Richtig schön anzuschauen. Der Wagen wurde mit Pferden gezogen und kam von der Altmark herüber. Meine Mutter hatte auch Haushaltsgegenstände in ihrem Laden. Doch nicht ein so großes Sortiment. Und somit machte der Pötter sein Geschäft auf der Straße.

Kam aber der „billige Jakob“ mit seinem Bauchladen ins Dorf, sah meine Mutter rot, denn das war eine wahre Konkurrenz mit den Kurzwaren, die wir auch im Laden hatten. Hatte der sein Geschäft gemacht, kam er in die Gaststube und bestellte sich eine Brühe zum Aufwärmen und ein Mettwurstbrot und somit war der Groll meiner Mutter verflogen. Die Brühe machte meine Mutter von Maggiwürfeln und tat ein Stück Butter in die heiße Brühe.

Bestellte jemand einen Glühwein oder Rumgrog, wurde das Wasser vom Nachbarn Wolfrath geholt. Das war ganz klar und blieb es auch, wenn es gekocht hatte. Meister Wolfrath, der auch unsere Enten und Gänse schlachtete, bekam dafür den Harzer Käse, den wir nicht los geworden waren. Ihn störte es nicht, wenn da schon die Maden drin waren. Das ist wohl der Grund, dass ich bis heute keinen Harzer Käse mag.

Wenn es hieß: „Die Zigeuner kommen!“, dann war was los. Die klauten nämlich, was sie kriegen konnten. Im Laden mussten wir wie ein Luchs auf der Höhe sein. Trotzdem gelang es ihnen, etwas zu ergattern. Wenn nicht im Haus, dann auf dem Hof: Kartoffeln, Heu und Stroh. Aber es kamen auch ehrliche Zigeuner, die verdienten sich ihren Lebensunterhalt mit dem Verkauf von Deckchen und Tüchern. Manche Zigeuner blieben tagelang. Sie kampierten immer vor unserem Haus. Ich hatte mich einmal mit einem Zigeunermädchen, das so alt war wie ich, angefreundet. Leider zogen sie weiter und ich hörte nie wieder etwas von ihr.

Dann gab es noch den Wanderzirkus. Da bestaunten wir dann ihre Künste. Am besten gefielen mir die Seiltänzerinnen. Es war immer eine ganze Familie, von der jeder etwas vorführte. Neun Monate zogen sie umher und drei Monate bezogen sie ihr Winterquartier. Kam ein großer Zirkus mit Elefanten und Kamelen, gastierten sie in den Städten. Zum Beispiel in Lüchow kamen sie mit dem Güterzug auf dem Bahnhof an, zogen mit ihren Wagen und Tieren durch die Stadt zum Schützenplatz.

Weihnachten. Jeder denkt wohl gerne an Weihnachten zurück, wenn auch mit einem Tröpfchen Wehmut. Wie war es bei uns zuhause? Schon die Vorweihnachtszeit war bei uns mit viel Arbeit verbunden. Das Clubzimmer wurde Verkaufsraum für Spielsachen aller Art. Weihnachtsbäume, die mein Vater selbst gepflanzt hatte, wurden gefällt und zum Verkauf zum Markt nach Salzwedel und Lüchow gebracht. Auch die Dörfer im Umkreis von Grabow und Lüchow wurden mit dem Pferdefuhrwerk angefahren. Enten und Gänse mussten geschlachtet und gerupft werden. Damit fuhren meine Eltern sogar nach Berlin zum Markt. In unserem Laden gab es auch viel, viel zu tun.

Aber irgendwann kam dann der Heiligabend. Wir Schulkinder gingen alle gemeinsam zu Fuß nach Plate zur Kirche. Es wurde gesungen und gescherzt. Die Jungen liefen vorweg und versteckten sich und erschreckten uns, wenn sie plötzlich hinterm Busch vorkamen.


In der Kirche wurden die Kerzen an den Weihnachtsbäumen von den Konfirmanden angezündet. Andächtig lauschten wir auf die Weihnachtsbotschaft. Und nach dem Gesang: „Oh du fröhliche“ und „Stille Nacht“ ging es dann im Trab nachhause. Jeder war gespannt auf den Weihnachtsmann und die Bescherung. Kam ich nach Haus, stand meine Mutter noch im Laden, denn nach dem Gottesdienst kehrten noch viele bei ihr ein, um noch für das große Fest einzukaufen. Sie hatten festgestellt, dass eine neue Weihnachtsbaumspitze und Lametta fehlten. Auch kleine Geschenke wurden noch gekauft.

In die Weihnachtsstube durfte ich nicht, da wirtschafteten meine großen Geschwister. Zu mir sagte man, da wäre der Weihnachtsmann, da dürfte ich nicht hinein. Das war mir dann doch zu bunt und ich lief zu Tante Emma und Onkel Heinrich. Da war der Weihnachtsbaum schon geschmückt und es gab auch was zu essen. Doch das große Grünkohlessen war zuhause. Und bis zur Bescherung war es dann Mitternacht geworden. Das war der einzige Abend im Jahr, an dem wir zusammen saßen. Tante Emma war auch dabei. Mich wunderte, dass Onkel Heinrich immer erst kam, nachdem der Weihnachtsmann da gewesen war. Ich bekam immer wunderschöne Geschenke: eine große Puppenstube mit schönen Möbeln und richtigen Lampen, die wurden mit einer Batterie betrieben und für das Schlafzimmer war richtiges Bettzeug angefertigt worden, das hatte sicher meine Schwester gemacht. Einmal bekam ich ein wunderschönes Himmelbett für eine Puppe mit Schlafaugen.

Am 1. Weihnachtstag besichtigten wir Kinder die Weihnachtsbäume. Wir gingen von Haus zu Haus und bekamen überall Leckereien. Am besten gefiel mir der Weihnachtsbaum von unserem Nachbarn Wolfrath. Das war ein Baum mit Spieluhr. Die wurde aufgedreht. Der ganze Baum drehte sich und dabei erklangen Weihnachtslieder.

Zwischen den Feiertagen gab es etwas ganz besonderes bei uns in Grabow. Alle Schulkinder der Grabower Schule (8 Jahrgänge) wurden auf dem Untergut bei von Platos eingeladen. Wir wurden von der Frau Baronin in der Leuteküche empfangen und die Mamsell bewirtete uns mit Kakao und Weißbrot. Dann ging es in die große Weihnachtsstube, dort stand ein großer Weihnachtsbaum, so groß wie in der Kirche. Die Kerzen waren schon angezündet. Alle Kinder stellten sich im Halbkreis davor. Es wurde gesungen und Gedichte wurden vorgetragen. Heimlich schielten wir zu den großen Tischen, wo die Geschenke bunt verpackt aufgebaut waren. Jedes Kind bekam drei Geschenke: ein großes, ein kleines und eine Weihnachtstüte.

Die Frau Baronin war aus England auf das Untergut geheiratet. Ihre Eltern hatten eine Spielzeugfabrik. Wir hatten unsere Wünsche vorher äußern können. Alles war liebevoll verpackt: Als großes Geschenk gab es Spiele, Denkfix, Puppen, Holztiere und auch Bücher. Alles war in deutsch. Demnach exportierte die englische Fabrik Spielwaren nach Deutschland. Als kleines Geschenk gab es etwas zum Krach machen. Wie zum Beispiel eine Ratter, Flöten, Trommeln und mehr. Das war dann auf dem Nachhauseweg ein fröhliches Durcheinander. Die Weihnachtstüte war von einem großen Bogen Weihnachtspapier mit Nüssen, Pfeffernüssen, Schokolade und Keksen zusammengerollt und an beiden Enden mit roten Schleifen zusammen gebunden. Nach dieser Bescherung folgte noch das Schönste: Die Tochter Barbara von Plato machte eine Kinovorstellung mit der „Laterna magica“ und erzählte dazu. Ich war immer ganz hingerissen von ihrer Stimme und von den Bildern. Es gab damals noch kein Kino bei uns und natürlich auch kein Fernsehen und so ein Heimkino hatte sonst niemand im Dorf.

Gegenüber von Tante Emma und Onkel Heinrich wohnten Onkel Heinrichs Eltern. Daneben hatte der Tischler Walter Wolfrath eine kleine Werkstatt. Eines Nachts im Mai 1936 brach dort ein Großfeuer aus. Das Schlafzimmer, in dem Tante Emma, Onkel Heinrich, Giesela und ich schliefen, war hell erleuchtet. Die Flammen schlugen schon zum Haus der Großeltern rüber. Giesela wurde schnell in den Kinderwagen gelegt und ich musste sie zu uns nach Hause bringen.
Dort war ich ganz allein mit ihr in der Gaststube. Ich habe solche Angst gehabt. Alle waren beim Feuer. Es gelang ihnen nur, Onkel Heinrichs Scheune und Wohnhaus vorm Feuer zu retten. Das Feuer griff um sich und vernichtete nicht nur die Werkstatt und das Haus der Großeltern, sondern auch noch ein Deputathaus mit zwei Wohnungen, welches zum Untergut gehörte. Die Feuerwehr mit ihrer Handspritze und das ganze Dorf mit einer Wassereimerkette hatten getan, was nur möglich war. Als das Feuer so weit gelöscht war, kamen alle zu mir in die Gaststube. Dort bekamen sie Bier und Schnaps. August Meyer hatte wohl zu tief in die Flasche geschaut. Bei den späteren Löscharbeiten während der Nacht, fiel er von der Leiter. Ihn brachten sie dann zu mir in die Gaststube. Es war alles so schrecklich und seitdem habe ich große Angst vor Feuer.

1933 kam ich zur Schule. Ich wollte nicht mehr die kleine Verwöhnte sein. Die Männer in der Gaststube hatten mich deswegen schon immer geärgert und gemeint, ich könne unmöglich auf der harten Schulbank sitzen. Da müsse meine Mutter mit und mich auf den Schoß nehmen. Nun erlaubte ich nicht, dass sie mich zur Einschulung begleitete."


1930 bei einer Hochzeitsfeier. Lydia sitzt auf dem Schoß ihres Vaters, der jetzt schon 49 Jahre ist. Daneben seine Schwiegermutter aus Wibbese, Maria Kofahl, die nach dem Tod ihres Mannes zu den Grebiens nach Grabow gezogen ist.


Berthold im Konfirmationsanzug.


Wie hier auf Grebiens Scheune nisten in jedem Dorf Störche. Die Klapperstörche bringen ja auch die Kinder.

Mit Klick vergrößern.
Schuljahr 1930


Mit ihrem Bruder Berthold ist Lydia gern bei den Pferden, wenn sie auch sonst nicht viel für die Landwirtschaft übrig hat.




Untergut


Vor dem abgebrannten Haus


Dieser simplen Fotobox verdanken wir viele der privaten Aufnahmen.

Die wendländischen Trachten gehören schon 1935 nicht mehr zum Alltagsbild. Zu einem besonderen Anlass haben die Grabower hier die alten Trachten angelegt.
Bildunterschrift: "Vor unserer Abfahrt nach Walsrode".
1935   In der Mitte Lydia 
(Die weiteren Personen und das Auto konnten bisher nicht zugeordnet werden.)
 

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