Aufgewachsen auf dem Land. Historische Aufnahmen und Geschichten über Damals im Wendland. Der Landkreis Lüchow Dannenberg als Beispiel für das Leben auf dem Lande im 20. Jahrhundert.



 

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Elfriede in Hamburg, 1938
Elfriede Grebien 1937

 
  Nach dem Abschluss des Lyzeums in Salzwedel geht Elfriede Grebien nach Hamburg auf eine Handelsfachschule und hat ab 1938 eine Stelle als Fremdsprachenkorrespondentin bei einer Im- und Exportfirma. In  ihrem Tagebuch findet sich eine längere Passage, die sehr authentisch die Vorkriegsstimmung wiedergibt. Elfriede protokolliert sehr genau die "Sudeten-Krise" und drückt ihre Ängste und Ahnungen aus.
Zunächst ein kurzer Absatz über ihre persönlichen Zukunftsvorstellungen, die sie hier als Achtzehnjährige aufschreibt:
 
 
  1937

"Freiheit und Unabhängigkeit soll das Ziel sein, dass ich mir gesteckt habe. Frei und unabhängig möchte ich von jedem Menschen sein. Ich will kein dienendes Objekt sein. Man soll mich nicht als Untertan betrachten. Natürlich will ich den Menschen in dienender Liebe Opfer bringen, aber doch möchte ich gleichwertig sein. Ich will gar nicht über den Menschen stehen, aber ich will auch kein Knecht sein. Was ich tue, will ich freiwillig ohne jeglichen Zwang verrichten. Ich will es so weit bringen, dass ich keinen Vormund brauche, sondern einem Menschen als gleichwertiger Lebensgefährte zur Seite stehen kann. Möge Gott mir helfen, dass ich dieses, mein Ziel nicht aus den Augen verliere, dass ich in meinem Streben nach diesem Ziel aber immer mir seinen Willen vor Augen halte, dann werde ich es sicher schaffen."

 

 
  19. September 1938
Gestern Abend war die Rede des Führers im Radio. Die Welt hatte darauf gewartet und steht jetzt unter dem Eindruck des Gehörten. Wenn doch nur Frieden bliebe und nicht der zerstörende und verderbliche Krieg ausbräche! "Ihr Deutschen in der Tschechoslowakei seit weder wehrlos noch verlassen!" Haben sich unsere Deutschen dort unten nun bestärkt geglaubt, oder sahen die Tschechen darin eine Bedrohung? Aus einem dieser beiden Gründe oder auch aus beiden zusammen denke ich, sind die heute aus der Tschechoslowakei gemeldeten drei auf die Deutschen ausgeübten Morde zu erklären. Wenn doch nur Friede bliebe! Doch es wird überall so viel vom Krieg gesprochen, dass ich bald an eine Unmöglichkeit der Vermeidung des Krieges glaube .

22. September an 1938
Große Ungewissheit und Spannung! Geht man auf die Straße, ist der erste Blick den Zeitungsständen zugewandt.
"Wie steht es mit der Tschechen-Frage?“
Wieviel diese Frage wohl schon erörtert worden ist. Welch eine lächerliche Auskunft geben doch die Zeitungen. Diese nichts sagenden Schlagzeilen!
"Das Drama in Sudetendeutschland rollt ab".
"Henlein greift zu den Waffen!"
Hitlers neuester Ausspruch: "Wenn Henlein verhaftet wird, bin ich der Führer Sudetendeutschenlands!“
"Hitlerfahne über Sudetendeutschland! Prager Regierung zurückgetreten!" es könnte in diesen heutigen Zeilen so viel freudiges liegen, aber da es nur von den Zeitungen gebracht wird, darf man immer noch nichts endgültiges annehmen. Ich verstehe auch zu wenig von Politik, um gescheit genug zu sein, zwischen den Zeilen zu lesen.
Wenn doch Hitler nur auf den Vorschlag Englands, die ganze Frage auf friedlichem Wege zu regeln, eingehen würde. Schade, dass die Unterredung des Führers mit seinem englischen Gast nicht veröffentlicht wurde. Was wohl der heutige zweite Besuch Chamberlains bei Hitler in Godesberg gebracht hat? Warum werden uns solche Aussprachen vorenthalten? Könnte die Aussage Hitlers uns vielleicht nicht passen? Oder warum?
Warum muss es eigentlich immer Kriege geben? Sollten die Menschen des 20. Jahrhunderts, die sich rühmen, auf den Kulturstufen so weit voraus gekommen zu sein, nicht endlich vernünftig werden! Müssen die Menschen nicht endlich einsehen, dass Kriege niemals für die Gesamtheit von Vorteil sind, sondern nur zerstörend sind und einen Rückschlag bringen auf allen Gebieten. Nur einzelnen ist ein Krieg zum Vorteil. Sie haben die Möglichkeit, ihren Geldbeutel noch voller zu pfropfen oder ihren Einfluss geltend zu machen, wodurch sie Befriedigung finden. Für diese Einzelnen sollen die vielen Menschen hingeopfert werden!
 
27. September 1938
Gestern Abend sprach der Führer über die deutsch-tschechoslowakische Frage zum Volk und zur ganzen Welt. Hier in Hamburg war angeordnet worden, dass die Rede in jedem Kino, Theater und allen öffentlichen Gebäuden übertragen wurde. Ich habe sie mir auch angehört. Der Wichtigkeit halber habe ich mir heute auch noch die Zeitung gekauft, um sie mir aufzubewahren.
Der 1. Oktober wird die Entscheidung bringen. Voller Spannung erwarten alle diesen Tag! Was mag er uns bringen? Krieg oder Frieden? Wenn nur der Sonnabend erst da wäre, damit diese entsetzliche Spannung ein Ende hat. In das geschäftliche Leben hat die Kriegerische Stimmung gewaltige Stockungen gebracht. Kein Exporteur wagt mehr, Aufträge aus dem Ausland anzunehmen und zu buchen. Weiß er doch nicht, was bis zum Datum der Verschiffung noch geschehen kann. Bei den Verladungen werden die größten Vorsichtsmaßregeln getroffen. Entweder hält man die Ware zurück oder versichert sie gegen Kriegsgefahr. Fast wöchentlich ist jetzt eine Schwankung oder vielmehr Steigerung der Versicherungsprämie bezüglich Kriegsgefahr festzustellen. Und wer weiß, ob die Dampfer Ende dieser Woche überhaupt noch auslaufen.
Eine große Anzahl Männer und Frauen haben schon jetzt Aufforderung darüber erhalten, wie sie sich am Mobilmachungstag zu verhalten haben. Wenn doch dieser Mobilmachungstag nie eintreten würde. Ist es denn so unmöglich, dass Herr Benesch seine Truppen aus dem Sudetendeutschen Gebiet zurückzieht? Wollte man nach der Meinung unserer Presse urteilen, so sind wir wohl im Recht. Aber schreiben unsere Zeitung auch die Tatsache? Übertreiben sie nicht? Wenn man das nur wüsste! Sind Hitlers Forderungen nicht vielleicht doch zu weit gehend? In einer englischen Zeitung schreibt das englische Volk, nach der Rede eines Ausländers, die sehr gegen die britische Nation eingestellt war, wie folgt: "warum wird uns diese Rede von unserer Regierung vorenthalten? Wir wollen auch die Äußerungen der Ausländer erfahren, die nicht auf unserer Seite stehen! Sind wir doch keine Nazis, denen man nur immer das für sie günstigste erzählt!"

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Hamburger Tageblatt, 28.9.1938

28. September 1938
Roosevelts Telegramm an Hitler und Hitlers Antwort!
Roosevelt: klar vernünftig und gut erscheinen mir die angegebenen Gründe. Durch dieses Telegramm brachte er zum Ausdruck, was viele Millionen Menschen, auch deutsche, denken und wünschen.
Hitlers Antwort: eine an den Haaren herbeigezogene Verteidigungsrede. Eine Wiederholung dessen, was schon oft gesagt worden ist. Warum nicht eine genauso knappe, eindeutige und große Antwort?
Was werden uns die nächsten Tage bringen?
Überall in den Exportfirmen herrscht eine überaus große Spannung. Geschäfte werden nicht mehr abgeschlossen! Man beschäftigt sich nur noch mit behördlichen Dingen. Da man oft auch dazu keine Ruhe hat, wird vielfach überhaupt nichts getan. Es wird nur noch geredet oder gewettet: Gibt es Krieg? Bleibt Friede? Neueste Nachrichten werden ausgiebig besprochen. Ein Vertreter kommt: "Haben Sie Aufträge für mich?"
Antwort: "Nein oder vielleicht. Aber das interessiert jetzt nicht! Erzählen Sie mir lieber die neuesten Berichte und Witze!"
Lange dauern diese Vertreterbesuche und keine Geschäfte bringen sie ein, nur über Neuigkeiten wird gesprochen. Zu einer ernsten Arbeit sind die Menschen viel zu nervös. Aber was soll man auch noch machen? Die Schifffahrtslinien wissen nicht, ob die Dampfer noch ausgehen werden. Nach Möglichkeit behält jeder Exporteur die Ware hier in Hamburg und nimmt sie auf Lager. Alle englischen Banken haben die Annahme und Bevorschussung der deutschen Dokumente verweigert, da sie von ihren englischen Hauptbüros entsprechende Anweisungen erhielten. Der Pfund-Sterlings-Kurs ist in der letzten Zeit gewaltig gesunken. Von gestern auf heute allein von 11,9 auf 11,8. Und dann soll man noch Geschäfte machen! Furchtbar! Wenn doch nur erst Sonnabend wäre.

29. September 1938
Gestern Abend englische Parlamentssitzung, in der Chamberlain über die augenblickliche Kriegsfrage sprach. Schade dass wir kein Radio haben. In diesen Tagen vermisse ich es sehr stark. Ich musste mir daher die Rede erzählen lassen von Personen, die die Übertragung hörten, denn die Zeitungen bringen wenig und was sie bringen, möchte man am liebsten immer mit einem Fragezeichen versehen. Chamberlain sprach vor allem über seine Unterredungen mit Hitler. In dem ersten Zusammentreffen habe Hitler die Abtretung des Sudetenlandes an Deutschland gefordert. Nach seiner Rückkehr nach England traf Chamberlain alle nötigen Maßnahmen, setzte sich mit Benesch in Verbindung und erhielt die Zusage in der Antwort aus Prag. Erfreut, dass er Hitler seinen Erfolg in Godesberg mitteilen konnte, fuhr er zum zweiten Mal nach Deutschland. Aber was musste er erfahren? Während dieser zweiten Verhandlung stellt sich heraus, dass Hitler noch mehr forderte. Er stellte ein Ultimatum: das Sudetenland soll bis zum 1. Oktober von den tschechischen Truppen geräumt sein. Am 1. Oktober soll gewissermaßen dass Sudetenland unter die Oberherrschaft Hitlers gestellt werden. Chamberlain ist erstaunt über diese neue Forderung, denn Verhandlungen werden ja schließlich nicht darum geführt, dass man immer neue Forderungen stellt. Große Spannung nach Chamberlains Abreise. Nach diesem Auseinandergehen glaubte man wohl nicht an eine neue Zusammenkunft. Doch Chamberlain setzt sich wieder mit all seinen Kräften für die Friedensverhandlungen ein. Schließlich wendet er sich an Mussolini mit der Bitte, sich doch noch einmal mit Hitler in Verbindung zu setzen und ihn zu bewegen, die Friedensverhandlungen nicht abzubrechen, sondern erneut aufzunehmen. Das gelingt schließlich Mussolini. Und gestern Abend während seiner Rede erhält Chamberlain das Telegramm Hitlers mit der Aufforderung zu einer neuen Verhandlung zu erscheinen, die geführt werden soll zwischen Hitler, Mussolini, Chamberlain und Deladier. Während seiner Rede nimmt er weiter keine Notiz von dem eingetroffenen Telegramm, bis man es ihm schließlich aufdrängt. Jetzt liest er es und verkündet es auch gleichzeitig im Parlament, das ihm weiteren Erfolg wünscht in seinen Friedensbemühungen. Bravo Chamberlain!
Heute nun fand die Unterredung statt. Es sollen bereits tschechische Botschafter mit hinzugezogen worden sein. Mögen Chamberlains Bemühungen nicht vergebens sein!
Leider weiß ich nicht, ob meine Ausführungen in allem richtig sind, denn unsere Zeitung schreiben in vielen anders oder gar nichts und richtiger als Zeitungsberichte sind die Mitteilungen über den Rundfunk immerhin noch. Vor allem, da die Rede Chamberlains von London direkt übertragen wurde, glaube ich an die Richtigkeit der Berichte.

30. September 1938
Die Verhandlungen zwischen den vier Staatsmännern kamen in der letzten Nacht zum Abschluss. Heil Chamberlain! Die Beschlüsse sind in acht Punkten zusammengefasst, die heute früh schon in Extrablättern mitgeteilt wurden. Überall herrscht eine gehobene Stimmung. Endlich sind wir diesen fürchterlichen Druck los. Diese Stimmung zeigt am deutlichsten, wie sehr das Volk, alle Nationen den Krieg verabscheuen. Wie viele Menschen Ihnen im Stillen wohl dankbar sind, Herr Chamberlain! Natürlich gebe ich zu, dass nicht Chamberlain allein diese große Tat gelungen wäre, aber eines ist sicher: der Anlass zu den Friedensverhandlungen kam von Chamberlain.
Die gefassten Beschlüsse wurden sofort der Prager Regierung übermittelt und von dieser anerkannt. Hoffentlich geht nun der Einmarsch der deutschen Truppen, der schon morgen am 1. Oktober beginnt, auch wirklich reibungslos zu. Bis zum 10. Oktober soll die Räumung des Sudetendeutschengebiets jetzt vollzogen sein. Bis Ende November sollen die Abstimmungen in den strittigen Gebieten erfolgen.
Ferner brachte die heutige Abendausgabe folgende Schlagzeile: „Nie wieder Krieg zwischen Deutschland und England!“ Wie weit diese Phrase ihre Erfüllung findet, möchte ich noch dahingestellt sein lassen. Schon oft sind im Ablauf der Geschichte ähnlich lautende Aussprüche bekannt geworden, an die man sich nicht sehr lange gehalten hat. Vielleicht bleibt dieser Satz so lange bestehen, wie die Staatsmänner, die eine derartige Äußerung gemacht haben, leben oder vielleicht regieren. Vielleicht auch nicht einmal solange. Aber daran wird wohl jetzt niemand denken. Man braucht es wohl vorläufig auch noch nicht. Jedenfalls atmet alles auf. Das Geschäftsleben hat schon heute wieder eine gewisse Belebung erfahren. Ab morgen gehen wieder Dampfer aus, deutsche Dokumente werden wieder durch englische Banken akzeptiert und bevorschusst, der Pfundkurs ist wieder gestiegen.
Ein höchst interessanter Artikel war heute im Tageblatt. Ein gewisser Hermann Okras singt eine Lobeshymne auf Hitler, die geradezu haarsträubend ist, da sie auf Unwahrheiten beruht, denn Hitler ist in diesen Tagen wahrlich nicht der Friedensprophet gewesen. Außerdem verzapft sie einen Kitsch in höchster Form. Abschrift:
"Der Gigant unseres Volkes, der größte, den je dieses Volk aus seiner Mitte geboren hat, krönt in der Blüte seiner Jahre ein Werk, dass unsere besten Patrioten immer nur im Traum gesehen haben. Der Gigant ist noch nicht über sich selbst hinausgewachsen. Während die Füße fest auf seines Volkes Erde stehen, streift seine Stirn schon die Sterne hoch zum Firmament. Er ist so groß, dass alles Volk der Deutschen vor seiner Größe nichts als schweigen kann. Er ist ein Mensch und doch kein Mensch mehr, denn er ist ein Mensch, der Volk geworden ist in einer Person. Was alles deutsche Volk zusammen aufbringt an heißer Leidenschaft, was alles deutsche Volk zusammen klingen lässt an heißen Schlägen in heißen Herzen, was alles deutsche Volk an Kraft in der Sehnsucht und der Liebe zusammen hat, das alles ist in diesem einen Mann allein. Er ist ein Mensch und ist allein doch alles deutsche Volk in sich!"
Zur Entschuldigung des Schreibers will ich annehmen, dass er betrunken war, jedenfalls trunken vor Freude über die Erhaltung des Friedens. Anders kann ich mir wirklich diesen Wahnsinn nicht erklären. An Hitlers Stelle würde ich mir wahrlich derartige Zeitungsartikels verbieten. Was wohl das Ausland über derartige Auswüchse denkt, bei denen die Vernunft des Menschen völlig hinten an zu stehen scheint.
Na, alles andere soll mir schließlich gleichgültig sein: Es bleibt Friede!

19. Oktober 1938
Noch vor 14 Tage schrieb ich so sicher: es bleibt Friede! Und vorgestern schreibt die Zeitung: „Wer nach der Überwindung der internationalen Krise durch das Münchener Abkommen von einer beständigen Schönwetterperiode in der großen Politik geträumt hat, ist sehr rasch auf dem harten Boden der Tatsachen erwacht und sieht sich von herbstlichen Stürmern umbraust. Die großen demokratischen Weltmächte sind von einem Rüstungstaumel erfasst, der diesmal weniger von Programmen der Regierungen entfacht worden ist, sondern vielmehr von einer Massenbewegung in den einzelnen Ländern ohne Rücksicht auf parteipolitische Ideale getragen wird und dann ernste Beachtung verdient.“

 
 
 

Mit dieser beeindruckenden Schilderung der Vorkriegszeit leiten wir zum nächsten Kapitel über, in dem nochmals derselbe Zeitabschnitt mit anderen Schwerpunkten beleuchtet werden soll.

1933-1945

 

 

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