Aufgewachsen auf dem Land. Historische Aufnahmen und Geschichten über Damals im Wendland. Der Landkreis Lüchow Dannenberg als Beispiel für das Leben auf dem Lande im 20. Jahrhundert.



 

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Parpar 1925-1940
Lisa Niehus erzählt vom einsamen Leben in der
Forstgehilfensiedlung

(Siehe auch Parpar vor unserer Zeit)  

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Vorgeschichte von Parpar

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Einwohnerbuch von 1929:

Ernst Johann Baas-Emme, Arbeiter, Parpar 1

Wilhelm Gebers, Arbeiter, Parpar 2

 

 

 

 

 

Elsbeth und Ernst Baas mit Tochter Lisa Niehus ( Mützingen bis 1926) übernehmen 1926 die Forstgehilfenstelle und den dazugehörigen Hof in der kleinen von Wald umgebenen Siedlung Parpar, die heute nicht mehr existiert. Ein zusammenhängendes Waldgebiet von mehr als 1000 ha gehört zu dieser Zeit dem Staat und wird vom Forstamt in Dannenberg bewirtschaftet. In Parpar wohnen auf zwei Höfen die Forstarbeiter mit ihren Familien und betreiben eine kleine Landwirtschaft auf Lichtungen im Wald - zusammen 2 ha.
Lisa Niehus (später Bakowski) erzählt von ihrer Kindheit und Jugend in Parpar:

 
Ich ging nur ein halbes Jahr zu Lehrer Hard in die Schule von Wibbese, denn wir zogen um in ein abgelegenes Nest mitten im Wald, nämlich nach Parpar und dort war ich allein. Es gab keine anderen Kinder. Das wurde mir ziemlich schwer, denn ich musste ja immer den ganzen Weg durch diesen großen Wald nach Lenzen laufen. Ein Viertel Jahr lang hat meine Mutter mich gebracht. So lange dauerte es, bis ich mich an den Weg gewöhnt hatte. Sie nahm das Fahrrad und wir gingen nach Lenzen. Sie konnte dann mit dem Fahrrad zurückfahren. Wenn die Schule aus war, holte sie mich wieder ab.

Zu der Zeit gab es schon die Schwengelpumpe an der großen Eiche.  Aber am Weg nach Schmardau war noch der alte Brunnen. Onkel hat mich immer gewarnt, da hinzugehen. Da würde mich keiner finden, wenn ich da reinfalle. Aber dann war mal ein Reh hineingefallen. Der Förster kam zu meinem Vater und sie nahmen ein Brett und Seile mit. An den Seilen haben sie das Brett runtergelassen und irgendwie haben sie das Reh dazu bewegt, sich auf das Brett zu stellen, so dass sie es hochziehen konnten. Kaum sah es den Waldboden, sprang es hoch und lief davon. Es war unverletzt.

Mein Vater hat in Parpar 1926 die Stelle von seinem Onkel Johann Emme übernommen.
Es gab zwei Höfe in Parpar, die nur ganz wenig Landwirtschaft hatten. Hauptberuflich waren die Männer Forstgehilfen und die Familien wohnten dort bis zur Rente als Pächter.
Johann Emme (geb. etwa 1861) hatte drei Kinder, die trotz niedriger sozialer Stellung der Eltern höhere Bildung erhielten:
 - Adolf Emme wurde Zahnarzt in Hamburg. Seine Frau stammt aus Damnatz.
 - Emilie (unverheiratet) wurde ebenfalls Zahnärztin in Hamburg mit eigener Praxis. Zunächst war sie
    als Dentistin einige Zeit in Dannenberg und hat dort im Rathaus Sprechstunden angeboten.
 - Karl Emme mit Frau Minna aus Quickborn arbeitete bei der Hochbahn in Hamburg.
 
 
Onkel und Tante wohnten noch ein knappes Jahr bei uns und zogen dann nach Hitzacker. Aber sie sind bald gestorben. Nach 40 Jahren Einsamkeit im Wald war die Stadt nichts für sie.
Wir hatten ein Feld am Hof und eine etwas entfernte Wiese für die Kühe. Wenn die Weide allmählich abgefressen war, sagte Mutter: "Lisa, kiek mal na' de Köh!" Dann nahm ich mein Stickzeug, ließ die Kühe aus der Weide, setzte mich zum Hüten an den Waldrand und bestickte Tischdecken. Wie oft bin ich wohl diesen Weg gegangen und wie viele Stunden hab ich wohl an so einer Tischdecke gearbeitet?

Wir hatten mehr Milch, als wir zu dritt gebrauchen konnten und haben viel Butter gemacht. Vater hatte so eine Zentrifuge für die Milch gebaut. Die Butter haben wir  in Dannenberg verkauft. Lahrs haben viel abgenommen und auch weiterverkauft.
Mutter hat auch Schweine angeschafft, damit wir die Magermilch verfüttern konnten.
Federvieh hatten wir natürlich auch die ganze Palette: Hühner, Enten, Gänse.  Am Hof war ein kleiner Teich. Der war nicht tief. Aber für Kinder eben doch. Wir hatten mal Besuch von Onkel Adolf aus Hamburg mit meinem Cousin Hans, der war noch etwas jünger als ich. "Hans in den Teich darfst du nicht reingehen. Der ist zu tief." hab ich gesagt. "Ach, was du wohl hast." hat er gesagt. "Da gehe ich quer durch." Ich hab gerufen: "Mama komm! Hans will da in den Teich rein." Aber Hans da rein und gleich bis zum Hals weg. Dann kam sein Vater. Ich rief: "Onkel Adolf, hilf dem Hans da raus!" "Hast du ihm nicht gesagt, er solle da nicht reingehen." "Ja doch, aber er hat ja nicht gehört." Da ruft Onkel Adolf zu seinem Sohn: "Sieh zu, wie du wieder rauskommst“ und dreht sich um. Und ich hatte Angst. "Gebt mir doch mal eine Latte, einen Stock." Den hab ich dann reingehalten. Hans hat ihn gegriffen und damit hab ich ihn rausbugsiert."
 
Ernst Baas hat eine zusätzliche Heuwiese bei Grabau in der sogenannten Gemarkung „Große Weide“ gepachtet. Zur Heuernte muss man mehrmals zu Fuß oder mit Fahrrad von Parpar über Dannenberg nach Grabau. Beim Einholen der zwei Fuder Heu hilft Gerhard Kotrade aus Tripkau mit Pferdegespann.
Gerhard Kotrade bewirtschaftet die Landwirtschaft des Tripkauer Mühlenhofes. Sein Bruder Johann betreibt die Mühle und ist mit der Tochter des Bürgermeisters Meyer aus Karwitz verheiratet.
 
Nach Schmardau konnten wir in ungefähr 20 Minuten zu Fuß gehen.
Da fällt mir noch eine Geschichte ein mit dem Fischer Kersting aus Hitzacker. Der kam regelmäßig mit seinen Fischen über die Dörfer. Eines Tages kommt er also von Schmardau durch den Wald, zu Fuß natürlich und mit so einer Wassertrage über den Schultern, an der er zwei Körbe mit Fischen hängen hat. Ich sehe ihn noch vor mir, wie er an den Zaun tritt und meiner Mutter zuruft. Sie kommt aus dem Haus zu ihm an den Zaun und merkt nicht, dass unser Hund ihr nachspringt. Und der springt sie von hinten an und schubst sie gegen den alten Lattenzaun und der gibt etwas nach, schwankt und stößt den Fischer. Der erschrickt sich so, dass er umfällt und seine Körbe kippen aus und alle Fische liegen da am Boden. Das Bild vergesse ich nicht. Das hätte man auch fotografieren müssen. Wir haben alte Handtücher genommen und die Fische abgewischt. Mutter hat ihm wohl auch einige abgekauft.
Es gab immer ein Problem mit Wasser. Als mein Vater die Stelle übernahm, haben sie einen neuen Brunnen gebohrt. Ich glaube, sie mussten 54 Meter tief. Eine große Schwengelpumpe wurde draufgesetzt, die man mit zwei Leuten bedienen musste. Da brauchte man ganz schön Kraft. Wenn ich etwas gelernt habe, dann habe ich das gelernt!

Das Fischangebot im Fischladen von Kerstins in Hitzacker.
 
Außerdem war der Brunnen ziemlich weit vom Hof entfernt, bei der großen Eiche am Weg nach Lenzen. Wir benutzten zum Wasser holen auch eine Wassertrage über den Schultern mit zwei Eimern dran. So mussten wir alles Wasser auch zum Tränken für die Tiere holen. Wenn in trockenen Sommern der Brunnen versiegte, musste von Lenzen Wasser gebracht werden.
Als dann ein neuer Förster kam, wurde das anders. Er sagte: "Das ist ja eine Schlepperei für die Frauen und ihre Tochter muss auch schon die schweren Eimer tragen. Wir werden mal in Dragahn anfragen, ob sie nicht eine Wasserleitung herlegen wollen." Da habe ich dann gesagt: "Die werden sicherlich nicht für diese zwei Häuser eine so lange Wasserleitung legen."
Das war aber zu dem Zeitpunkt, als sie plötzlich hier überall Schilder aufgestellt haben: Waaco. Das war eine Firma, die das Gelände irgendwie vom Staat übernommen hatte. Die wollten wohl etwas bauen. Aber wir wussten nicht worum es ging. Tatsächlich haben sie eine Wasserleitung gelegt mit einem Pumphaus zwischen den beiden Höfen in Parpar.
Hof der Familie des Forstgehilfen Ernst Baas in Parpar.
 
Auf dem Feld haben wir hauptsächlich Weizen angebaut. Futtergetreide wurde zur Mühle in Tripkau zum Schroten gebracht. Aber zum Backen haben wir das Getreide selbst gemahlen und gesiebt. Vater hatte da so eine Maschine gebaut, mit der konnte er Korn mahlen. Aber ich konnte das nicht. Wir sollten für Brotmehl kein Geld in der Mühle ausgeben. Irgendwann hab ich gesagt: "Warum bringen wir das Korn nicht auch zu Kotrade nach Tripkau?" Und dann bin ich mal hin und hab den Müller gefragt: "Herr Kotrade, können sie nicht mal Weizenmehl machen." "Ja, Deern, wefehl wisst denn hem. Un woför?" "To Bodderkook backen." Na, und dann hat er das genau so gut gemacht wie wir.
Für Brot wurde Weizen, Roggen und Gerste gemischt und wir haben es nur mit Sauerteig gemacht. Da hat Mama doll drauf geachtet. Die Gründe habe ich aber nicht verstanden.
Das Backen in dem großen Ofen im Backhaus war herrlich. Das war natürlich viel Arbeit. Den Teig haben wir ja in der Küche gemacht und dann musste alles zum Backhaus getragen werden.
Dort war vorher der große Ofen mit Busch und Stangenholz geheizt worden. Wenn alles runtergebrannt war, wurde die Glut rausgezogen. Dafür war vor dem Ofen ein Platz mit Mauersteinen abgetrennt. Das ging früher nicht so pingelig zu. Am Ende war immer etwas Asche am Brot oder am Kuchen.
Hauptsache war, dass die Hitze im Ofen stimmte. Um das zu prüfen, wurden Strohhalme reingehalten und wenn die Ähren gleich schwarz wurden, war der Ofen zu heiß und musste noch etwas abkühlen.
Ach, neulich traf ich eine alte Bekannte. Die hatte noch auf einem Acker Ähren gesammelt. Da habe ich spontan gefragt: "Wo willst du mit den Ähren hin? Du hast doch gar kein Backhaus mehr."
Auf die richtige Menge Holz zum Feuern im Ofen war Mutter drauf kuraschiert (couragiert). Ich hab mich erst später dafür interessiert und konnte das dann auch. Aber manchmal war mein Brot etwas schwarz.

Ein neues Bild vom Backofen in Parpar. Das Backhaus steht nämlich noch. Es ist nur wenig ramponiert, aber vollständig von Bäumen und Gestrüpp zugewachsen. Ein einsamer Spaziergänger wird es kaum im Wald entdecken. Aber wenn doch, dann wird er sich an das Märchen von Hänsel und Gretel erinnert fühlen.
Wir haben das Brot immer ohne Form gebacken. Irgendwann hab ich zu Mutter gesagt: "Andere Leute haben solche Blechformen. Dann geht das Brot nicht so in die Breite." Aber da meinte sie nur: "So veel Geld hem wi nich." Später hatten wir dann doch solche Kasten. Damit ging das einfacher und schöner und das Brot konnte auch nicht so schnell austrocknen.
Wir haben auch viel Butterkuchen gebacken. Paar wär´n glieks äten. Un de annern wär´n wedder rinschoben. Die wurden zu "Bröcken" getrocknet und konnten monatelang in Blechdosen aufgehoben werden. Und wenn du Gesellschaft hattest: Du ha´s immer Bodderkook.
  Pudripp
 
1938 war ich eine Zeit lang in Pudripp in Stellung und zwar im Haushalt von Bürgermeister Rosien. Herr Rosien hatte so einen langen Schnauzbart wie zu Kaisers Zeiten. Was hat er sich immer an seinem Bart rumgedreht! So ein Ding muss gepflegt werden. Mein lieber Scholli!

Ich erinnere mich auch an die Schmiede von Otto Schulz. Da wurden auch immer die Hufe der Pferde der Waldarbeiter beschlagen. Es wurde ja viel mit Pferden im Wald gearbeitet, besonders zum Holz rücken, also die Baumstämme aus dem Wald an den Weg ziehen. In der Schmiede hatte ich immer ordentlich Respekt vor dem Feuer. "Dass man bloß nicht das ganze Haus abbrennt!" hab ich gedacht.


In der Schmiede in Pudripp.   Pudripp)

  Damnatz
 
Danach will Lisa eigentlich eine Zeit lang zuhause bleiben, aber das Arbeitsamt Dannenberg verpflichtet sie gleich in einen Haushalt in Damnatz. Dort hat Bauer Hermann Siems eine schwerkranke Frau und zwei kleine Kinder. Lisa wird von ihrer Mutter dorthin gebracht und fühlt sich zunächst von der Situation überfordert. Sie will lieber wieder nach hause, als Frau Siems sie fragt, ob sie gleich anfangen kann. Aber die Mutter redet ihr zu, weil sie die schwierige Situation der Familie sieht.
Einen besonderen Vorschlag hat Frau Siems noch: „Ick heff ok noch een good Kerl för di. De Broder von mien Mann is de Möller von Damnatz. Un de hat een groot Hoff. Un sien Frau is dot. He kümmt hüt Obend.“ Lisa denkt aber nicht daran, sich überrumpeln zu lassen und will noch lange nicht heiraten. Sie ist 19 Jahre alt. Beim Abschied fragt sie die Mutter: “Muss ich dann den Mann heiraten“. „Nein, das ist doch Quatsch, was die Frau da erzählt. Du musst dich da nicht verkuppeln lassen.“
Lisa kommt nach und nach mit dem Haushalt zurecht. Denkt aber nicht ans Heiraten, zumal sie erst später erfährt, dass Willi Siems ein vierjähriges Kind hat und sehr viel älter ist als sie. Auch Hof und Mühle reizen sie nicht. Sehr reizvoll findet sie allerdings, dass Willi ein Motorrad hat. Und als er sie zu einer Fahrt nach Dömitz einlädt, nimmt sie begeistert an und genießt trotz aller Bedenken die Fahrt hinten auf dem Motorrad.


Ansichtskarte von Damnatz-


Hof in Damnatz. (Spätere Aufnahme. E. Kulke)

Lisa soll zunächst nur aushelfen, solange Frau Siems im Krankenhaus in Dannenberg ist. Sie bleibt dann aber noch einige Monate länger. Frau Siems ist wieder schwanger und bekommt ihr drittes Kind. Auch später fährt Lisa häufig übers Wochenende zum Helfen nach Damnatz.
 
Zusätzlich lernt Lisa weißnähen. Als Weißnäherin näht sie hauptsächlich Oberhemden aus Leinen für die Bauern, die einen großen Bedarf haben. Sie tragen  täglich und nahezu ausschließlich solche Hemden. Lisa erinnert sich, wie schwierig es war, diese Hemden nach der bäuerlichen Arbeit zu waschen. Sie sollten ja immer wieder glänzend weiß sein. Meistens blieb am Kragen was zurück. „Denn hest du mit de Soop sport“ hieß es dann.
 
"Als ich 19 oder 20 war, hatte ich viel mit Dragahn zu tun. Es wurde dort gebaut. Auch viele Barracken, ein Casino, Werkstätten und eine Werkskantine, in der wir einmal ein Försterfest gefeiert haben. Das eigentliche Werksgelände durften wir aber nicht betreten. Es wurde schwer bewacht. Wir wussten auch nicht konkret, was dort gebaut wurde."

Mehr über die Bombenfabrik in Dragahn
  Dragahn 1938-1945.
 

 


Wir bleiben noch im Hohen Drawehn und betrachten das ehemalige Heidedorf

Redemoißel
 

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