Aufgewachsen auf dem Land. Historische Aufnahmen und Geschichten über Damals im Wendland. Der Landkreis Lüchow Dannenberg als Beispiel für das Leben auf dem Lande im 20. Jahrhundert.



 

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Neu Tramm
Schein-Dorf voller Geheimnisse
1938-2006

Mit Beiträgen von M. Huber, K. Steinweg und E. Recksiek.        

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Ein Dorf mit schillernder Vergangenheit. Eine kurze Vergangenheit, denn Neu Tramm ist nicht als wirkliches Dorf entstanden, sondern als Scheindorf für geheimste militärische Zwecke in der NS-Zeit erbaut, getarnt als alter wendischer Rundling und versteckt im Wald. Das große Waldgelände mit vielen Einzelbauwerken auch außerhalb des "Rundlings" mag noch manches Geheimnis bergen.
Auch unter Amerikanern, Engländern, Bundeswehr, Bundesgrenzschutz  und Polizei wurde die Öffentlichkeit durch Absperrung und Geheimhaltung ausgeschlossen. Gerüchte und Vermutungen regten immer wieder die Fantasie an.
 
1938:
Beschlagnahme des Geländes durch die Standortverwaltung Salzwedel zum Bau einer „Heeresmunitionsanstalt" mit Unterkünften für 300 Personen. Aus Gründen der Tarnung in Form eines Rundlingdorfes und versteckt im Wald.

1939:
Beginn der Bauarbeiten. Im September kommen ca.100 "dienstverpflichtete" Polen.

1941:
30 Luftwaffensoldaten beziehen die unbenutzte Anlage.


Google-Blick von oben.

 

1942:
Lager für beschlagnahmten französischen Schnaps, Cognac und Schaumwein. Die Bauarbeiten werden gestoppt.

1943:
550 Russen und 270 Italiener werden als „Dienstverpflichtete" zum weiteren Ausbau der Anlage interniert. Der Bahnanschluss nach Karwitz wird fertig gestellt.

1944:
Im März beginnt die Montage der ersten Raketen (FI-103, V1 und A4-V2). 15 Soldaten und 50 Zivilisten fertigen ca. 240 Geschosse pro Monat, deren Einzelteile aus dem ganzen Reich angeliefert werden.

Drei Fotos aus www.luftarchiv.de

 
1945:
Montage der „V1-Reichenberg" unter Führung der „SS". Die "Reichenberg-Geräte" waren für den zielgerichteten "Selbstopferungs-Einsatz" vorgesehen, kamen aber wohl nicht mehr zum Einsatz.
 
Zitat aus www.luftarchiv.de:
"Die meisten Reichenberg-Geräte wurden wahrscheinlich in Neu Tramm bei Dannenberg an der Elbe 1944/45 gefertigt bzw. montiert. Es wurden laut Jochen Tarrach 54 Stück hergestellt. Praktisch alle fielen unbeschädigt am 23. April 1945 der U.S. Army's 5th Armoured Division in die Hände. Den größten Teil transportierte das amerikanische Militär wohl zum Leidwesen der Engländer ab. Wie viel exakt, ist unbekannt. Im Mai 1945 rückten bereits britische Truppen in Neu Tramm ein, da es Teil der britischen Besatzungszone wurde."
 
Es gab eine eigens gebaute Bahnlinie aus dem Produktionsgelände an Riekau vorbei zum Bahnhof Karwitz (Thunpadel). Die Gleise wurden sehr bald nach dem Krieg abgebaut.

 

Spurensuche:

 

Der Bahndamm ist in der Landschaft bei Riekau noch zu erkennen.

Auf etwa 200 m Länge wurde der Kern des Dammes zur Sandgewinnung genutzt.
 

Auf diesem recht hohen und breiten Damm am Bahnhof Karwitz verlief das Übergabegleis zur Bahnlinie Dannenberg-Uelzen. Der jetzige Baumbestand ist schon entsprechend alt. Links im Bild liegen noch die Gleise der stillgelegten Bahnlinie nach Uelzen.

 

 
Aus den Erinnerungen von Hans Gehricke:
"Durch einen Zufall entdeckten die Amerikaner die Muna Neu Tramm. Sie waren auf einiges gefasst, aber dass ihnen eine komplette Fertigung in die Hände fiel und noch dazu unversehrt, das hätten sie sich nicht träumen lassen. Alle Typen der Muster V 1/ Fi 103 waren hier vorhanden! Der deutsche Major Hahn übergab das Lager kampflos an die US-Amerikaner, die dieses Lager nun auch als "geheim" einstuften. Die Tarnung des "Modell-Dorfes" Neu Tramm war für das 3. Reich aufgegangen. Selbst die Anwohner hatten keine Informationen über dieses ehemalige Geheimprojekt!
Da es eine Vereinbarung zwischen  den US-Amerikanern und den Briten über die Besatzungszonen gab, schafften die Amerikaner diesen "Schatz" umgehend in die USA.
Erst viele Jahre später wurden diese Erkenntnisse veröffentlicht. Auch mein Schwiegervater, der 1944 Dienst als Flugmelder in Breselenz tat, hatte von dieser Fabrik keine Ahnung."

Übergabe am 23. April 1945 durch Major Hahn.
 
1946 werden Jeeps repariert, die aus ganz Europa als Kriegsschäden angeliefert werden.
Dazu schrieb uns Adolf Graeber:
"Ich habe als 16 jähriger 1945/46 bei den Engländern von Lüneburg aus in dem Werk in Neu Tramm gearbeitet. Wir mussten die Einzelteile der V 1 zusammen bauen und beschriften: To Air Ministerum London! Wir fuhren fast täglich von Lüneburg mit einem Militär-Laster nach Neu Tramm. Auf der Rückfahrt wurde oft Holz mit nach Lüneburg zum Flugplatz genommen!
Mit freundlichen Grüßen Adolf Graeber"

1949 ziehen die Briten ab. Alle Hallen, Bunker, Straßen und Schienen werden abgerissen, nur der
          "Rundling" und umliegende Anlagen bleiben stehen.
1950 wohnen 468 Flüchtlinge in den Baracken von Neu Tramm. Ein Kinderheim wird eingerichtet.
         Verschiedene Firmen siedeln sich auf dem Kasernengelände an.

 
Beim Bau der Anlage hatte man bei einem Bauern aus Tramm die Beschlagnahmung seines Geländes nicht so schnell durchsetzen können. Bis Kriegsende war das Areal von Bauer Främke  noch nicht enteignet und nicht in das militärische Produktionsgelände integriert. Es stand dort ein Gebäude, in dem der Kölner Fabrikant Josef Schmitz 1950 eine kleine Firma für Trikotagen, also eine Strickerei und Wirkerei, einrichtete.
1952/53 werden alle Firmen, Bewohner und das Kinderheim aus der Kaserne ausgesiedelt. Der Bundesgrenzschutz zieht ein und das Areal wird wieder zum Sperrgebiet. Außerhalb des Geländes wird aber in der kleinen privaten Fabrik weiter produziert und es wohnen noch einige Flüchtlingsfamilien dort in Baracken.
Der Fabrikant hatte seinen Werkmeister Erhardt Huber mit Familie mitgebracht. Die Tochter Karin Huber geht in Neu Tramm zur Schule und muss in Heimatkunde Aufsätze über aktuelle Ereignisse in ihrem Umfeld schreiben.
Frau Karin Steinweg, geb. Huber, hat in ihrem Speicher die alten Aufsätze wiedergefunden und für diese Website abgeschrieben:


Ansichtskarte um 1950

"Trikotagenfabrik" Josef Schmitz

Gaststätte und Kantine bis 1952

 
Der Grenzschutz kommt (Januar 1952)
Seit vielen Monaten ging schon das Gerücht in Neu-Tramm um, dass der Grenzschutz kommen sollte. Keiner wollte es recht glauben, bis schließlich eine Versammlung stattfand. Sie kam zu dem Ergebnis: Neu-Tramm muss geräumt werden. So kam es auch. Zuerst mussten die Familien aus dem Wirtschaftsgebäude ausziehen. Sie zogen nach Dannenberg in das große Fünfzig-Familien-haus. Nur Herr Crause als Gastwirt durfte im Wirtschaftsgebäude wohnen bleiben. Aus den Baracken zogen bis jetzt auch schon zwei Familien um. Große Autos mit vielen Anhängern kamen, und starke Männer luden die Sachen auf. Wie werden sich die Familien aus dem Barackenlager gefreut haben, als sie nach vielen Jahren endlich wieder in Häusern wohnen konnten und dazu noch in einer kleinen Stadt!
Jetzt müssen die Wohnungen zum großen Teil umgebaut werden. Wir warten nun darauf, dass die erste Grenzschutzkolonne kommt. Bis zum April sollen wahrscheinlich alle Steinhäuser und das Barackenlager geräumt sein. Wer weiß, wie es noch wird?

(Karin Huber, 11 Jahre)


Vor dem Einzug des BGS steht hier zwischen dem Gelände der Firma Schmitz und dem Militär-gelände (heute Besucherparkplatz) noch kein Zaun.


Der Kaufladen zog am Anfang der 60er Jahre in die Schulbaracke. Die auf dem Foto abgebildete Baracke wurde Wohnbaracke.

Unsere Wohn und Schulbaracke (Mai 1952)
Es war schon lange vorher geplant, dass wir eine neue Schule bekommen sollten. Am ersten April fingen die Arbeiter an. Erst wurde der Bauplatz abgemessen, dann fingen die Hilfsarbeiter an zu schachten. Wo der Keller hinkommen sollte, konnte man genau sehen, denn dort wurde es tiefer geschachtet. Es dauerte nicht lange, die Baracke aufzustellen. Am 19. April wurde das Dach gedeckt und am 23. war es schon fertig. Ich fragte einen Bauarbeiter, ob ich mir den Bau einmal von innen ansehen könnte. Da lagen lauter Bretter und Nägel umher. Zwischen den Klassenzimmern war noch keine Wand, aber wo sie hinkommen sollte, sah man, denn dort war es tiefer.
Als ich am 23. wieder zur Baracke ging, war schon eine Wand gezogen und weiß angestrichen. Die Handwerker waren hauptsächlich draußen bei der Arbeit. Es wurden noch mehr Fenster ausgesägt. Am übernächsten Tag waren große Kieshaufen da. Der Kies wurde durch ein großes Sieb geworfen.
Die Handwerker fingen am 26. April mit dem Schornsteinbau an. Die Fensterrahmen wurden am 5. Mai ausgebessert. Weil die Baracke keine schöne Farbe hatte, wurde sie am 12. Mai angestrichen. Die Maler hatten da viel zu tun, aber weil es viele waren, dauerte es nicht lange und sie waren schon am 14. fertig.
Als ich später wieder in die Baracke ging, war ich erstaunt, dass es drinnen schon so schön war. Die Zimmer waren eingeteilt und die Wände gestrichen, die elektrische Leitung gelegt und in manchen Zimmern war der Fußboden aus Zement.
Nun werden wir bald einziehen können!

(Karin Huber, 12 Jahre)


Das Leben vor der Baracke. Ein seltenes Foto, denn eigentlich hatte man andere Sorgen, als ans Fotografieren zu denken. Das sandige Gelände vor der Baracken wurde wenig später zu blühenden Gärten, in denen auch Obst und Gemüse angebaut wurden.

 
Der Bruder Michael Huber gibt uns eine anschauliche Schilderung des Lebens in Neu Tramm:
" ... Im Jahr 1954 wurde ich dann geboren, da wohnte meine Familie schon ein Jahr in der oberen Etage des Schmitzschen Hauptgebäudes. Die Wohnung war toll und im Gegensatz zu den Verhältnissen in den Baracken feudal: fließendes Wasser in der Küche, Badewanne, Spültoilette und Telefon. Familie Schmitz hatte sogar eine Zentralheizung.
Diese eklatanten "Standesunterschiede" sollten sich nachhaltig auf mein gesamtes Leben auswirken, es war halt eine völlig künstliche Situation von 'wir da oben' und 'ihr da unten', zumal viele der Barackenbewohner auch eine Anstellung in der Firma Schmitz fanden.
Für mich sind diese fleißigen, herzlichen und liebevollen Menschen unvergessen und ich habe sie zu "Helden" einiger Erzählungen gemacht. Sie lehrten mich, dass materieller Wohlstand nichts mit seelischer Größe, persönlicher Integrität und menschlicher Würde zu tun hat. Sie gaben mir Geborgenheit - und wunderbare Kinderjahre."
 


Der Russenfriedhof (1962)
Eine Erzählung von Michael Huber
 
Mitten im Wald, zwischen Tramm und Breselenz, lag hinter hohem, rostigen Maschendraht ein Stück Land, eingegrenzt von einem morschen Jägerzaun: der Russenfriedhof .
Friedhöfe hatten für uns Kinder immer etwas Gespenstisches, es gab Trauerpferde, die die schwarzen, kutschenähnlichen Gefährte dorthin zogen, gefolgt von einer Schlange weinender, gebeugter, schwarzgekleideter Menschen, und kam man in seine Nähe, so sollte man schweigen und die Toten nicht in ihrer Ruhe stören.
Der Russenfriedhof war anders, er war verwildert, einsam und unbesucht.
Das Schaudern, das wir dennoch verspürten, lag an etwas anderem: in unregelmäßigen Abständen waren nämlich uralt aussehende Männer, die einmal zu den Familien des Dorfes gehört haben mussten, nach langer Zeit wieder nach Hause gekommen.
Manchmal fürchteten sich die Frauen sogar davor, sie meinten, die Gefangenschaft, gerade die russische, habe die Männer 'kaputtgemacht'. Wir Kinder konnten mit dieser Beschreibung wenig anfangen und meinten unter uns, dass die Heimkehrer sich eigentlich gar nicht von den anderen Männern unterschieden, sie wären doch genauso 'heile'.
Auffällig war jedoch für uns, dass der Gesundheitszustand dieser Leute äußerst schlecht war, es brauchte etwas Zeit, bevor sie zu arbeiten anfingen, und ihre ernsten, ausgemergelten Gesichter flößten uns oft Angst ein. Wenn wir nun an den Friedhof dachten, so wurde langsam die Vorstellung von diesen Russen, grausamen, hässlichen und feindseligen Ungeheuern, die man dort begraben hatte, immer furchterregender.
Es kam hinzu, dass sich die Gespräche der Erwachsenen häufig um ein Land drehten, dass sie Ostzone nannten, und auch dort "mache der Russe, was er wolle!", und man war sich darin einig, dass man es eigentlich ganz gut habe und es aufwärts gehe hier bei uns, "drüben" aber alles ganz furchtbar schlecht sei.
 
Der Friedhof lag am Rande eines Gebiets, das zum BGS gehörte. Die Einheit GSA Küste hatte dort vier Hundertschaften stationiert, und wir Kinder wurden mit den Grenzern gut Freund. Der Zaun um das riesige Gelände hatte unzählige Löcher und Lücken, wir trauten uns oft und sehr tief in das militärische Gelände hinein. Man konnte dort auf asphaltierten Straßen (davon gab es sonst nicht viele und wir fragten auch nie, warum es gerade dort welche gab) hervorragend Rad- und Rollerfahren, es gab Pfifferlinge, fette Hennen, Walderdbeeren und Hagebutten, die wir emsig einsammelten, um daheim ein Lob oder besser noch einen Groschen zu bekommen, - aber vor allem gab es dort in verwaisten Hallen und an den Schießständen die messingfarbenen Patronenköpfe zu finden, die die Älteren, die dort schon zur Schule gingen, in Dannenberg als Altmetall zu Geld machen konnten.
Lange hielten wir die Sammelei allerdings meistens nicht durch, und es war wohl bloßer Zufall, dass wir eines Tages den Hausmeister Zenk und seine Frau (sie waren in der benachbarten Trikotagenfabrik von Josef Schmitz beschäftigt, in der mein Vater Werkmeister war) mit prall gefüllten Taschen voller Messingstücke im Wald überraschten.
Im Dorf redete man bald darüber, Familie Zenk wäre ständig unterwegs gewesen „im Gelände“ und hätte sich von dem Erlös des „geklauten Zeugs“ den teuren Fernseher gekauft, aber es sprach wohl eher Neid aus diesen Worten, denn Zenks waren die ersten im Dorf, die ein solches Gerät ihr eigen nennen konnten, aber die wären doch auch nur Flüchtlinge, aus Stettin, und noch nicht einmal der Fabrikbesitzer hätte eine Antenne auf dem Dach! Doch da ich ab und zu mal Werbefernsehen, das Seepferdchen, bei ihnen sehen durfte, hielt ich mich aus dieser Rederei lieber heraus.
Ab und zu fand man auch Patronen, die nicht gezündet hatten, auf die war Helmfried, der abenteuerlustige Sohn des Fabrikanten, besonders erpicht. Hatte er genug beisammen, öffnete er die Kapseln, schüttete das Schießpulver auf einen Haufen, legte eine Lunte und ließ das ganze in die Luft fliegen. Wir Jüngeren waren dankbare Zuschauer und er war der Held des Tages - ein Wunder aber, dass niemandem jemals ein Haar gekrümmt wurde.
Die Grenzer, wie wir die BGS-Leute nannten, waren nette Leute, bei ihnen war immer etwas los. Sie marschierten zwar auch zackig, aber meistens sangen und lachten sie. Mal zähmten sie einen riesenhaften Raben (der es sich zu meinem Leidwesen einmal auf meiner Schulter gemütlich machte), mal soll einer von ihnen versucht haben, des Nachts bei der schönen Bürgermeistertochter Christa einzusteigen.
Vor allem aber hatten sie ein Kino. Einmal die Woche wurde in der Kantine, die sonst wie ein richtiges Casino vom Ehepaar Dörnbrack, später von Mussehls geführt wurde, ein Spielfilm gezeigt, z.B. "Unsere tollen Tanten" mit Gus Backus und Vivi Bach oder "Der Zigeunerbaron" mit Heidi Brühl und Carlos Thompson.
Die Dorfjugend, in Nietenhosen und engen Röcken gewandet, die Fräuleins mit Stöckelschuhen bewaffnet, die Herren mit viel Brisk im Haar, hielt, nachdem sie die Wache passiert hatte, Einzug."


DRK-Kinderheim bis 1952


Offene Einfahrt bis 1952

 


Ansichtskarte nach 1952


 


 


 

 
"Die Mischung von Militär und Filmwelt hatte zur Folge, dass Jürgen Grönmeier, einer der netten, jungen Soldaten, wenig später als „Neu-Trammer O.W. Fischer“ bezeichnet wurde.
Wir fühlten uns auf dem Gelände des BGS, das eigentlich Sperrgebiet war, folglich wie zu Hause, und auch als Hansi Krok, den manche halbstark nannten, uns einmal mit bedrohlichem Unterton sagte, hier sei mal die V-1 gebaut worden, hielten wir das für Angeberei und Bangemachen und fragten aus Rache nicht, was das eigentlich sei und was er damit sagen wolle.
Der Russenfriedhof wurde für uns nach und nach auf dem Weg zur Schule immer mehr zur Normalität, wir sahen uns die einfachen Holzkreuze von Nahem an und versuchten, soweit wir des Lesens bereits mächtig waren, die schwierigen Namen zu entziffern.

Merkwürdigerweise klappte das aber nicht, irgendwas war verkehrt mit den Buchstaben. Und auch die Kreuze sahen anders aus, so schief die eine Latte.
Irgendwann unterhielten wir uns darüber, dass unter der Erde vielleicht genauso nette, junge Männer lagen wie die Grenzer, die uns oft eine Bluna spendierten oder mit uns Quatsch machten. Die waren ja auch Soldaten und hatten eine Uniform an, die manche sogar richtig schick fanden.
Unsere Stimmung veränderte sich.
"Stell' Dir mal vor, Du müsstest hier weg!" dachte Sigrid eines Tages laut, und ich fand allein die Vorstellung schon grauenvoll, das Dorf irgendwann einmal hinter mir lassen zu müssen. Nein, das würde ich niemals tun. Unsere Welt war damals an der Bundesstraße in Tramm zu Ende, Schaafhausen war schon ein Gebiet, das man nur mit den Eltern betrat.
Aber die Russen, wo die wohl ihr Zuhause hatten?
Wir ersannen schließlich Geschichten von den armen Soldaten, die hier auf der anderen Seite der Welt gestorben, oder wie die Erwachsenen immer sagten, gefallen seien: wir stellten uns vor, dass die Eltern vielleicht noch immer auf sie warteten, denn schließlich hörte man im Radio ja ständig vom Suchdienst, der den Sohn, den Bruder oder Vater ausrief: „Hat ihn denn niemand mehr gesehen?“.
Auf dem Rückweg von der Schule in Breselenz pflückten wir dann regelmäßig Blumen: Löwenzahn, Glockenblumen, Hahnenklee und Margeriten, und legten sie vor die Kreuze. Jeder hatte „seinen“ eigenen toten Soldaten, dessen Namen wir noch nicht einmal entziffern konnten.
Ganz im Stillen hatten wir uns von der Meinung der Erwachsenen über die Russen entfernt, wir verrieten aber nichts, denn sie hätten uns wahrscheinlich nur ausgeschimpft, weil wir durch den Zaun geschlüpft waren und sie es doch schon so oft verboten hatten.
Ein langer Winter oder ein reparierter Zaun beendeten unser geheimes Tun, ohne dass es uns so richtig bewusst geworden wäre. Wir hatten jetzt die Pockenkuhle auf dem Weg nach Riekau entdeckt, und da konnte man so herrliche Abenteuer erleben.
Nach fast 30 Jahren kam mir während eines Urlaubs im Wendland die Idee - mein Dorf und auch die Stadt hatte ich längst freiwillig verlassen - nachzusehen, was aus dem Russenfriedhof geworden sei. Alles, was ich wusste, war, dass das ehemalige BGS-Gelände inzwischen von der Bundeswehr genutzt würde. Und dass von dem Dorf nichts mehr übrig geblieben sei. Alle waren in die Stadt gezogen. Und die Fabrik, der Mittelpunkt meiner Kindheit, stand leer.
Und ich hatte jüngst in einem Buch gelesen, dass mein Dorf gar kein richtiges Dorf gewesen war, sondern eine Art Kulissenrundling, von den Nazis gebaut, um dort getarnt ihre Raketen zu bauen. Und es hätten damals dort auch keine russischen Soldaten ihr Leben gelassen, sondern verschleppte, zu Tode geschundene Zwangsarbeiter.
Ich ging nachdenklich und in Erinnerungen versunken den mittlerweile fast zugewachsenen Stubbenberg, der schon lange nicht mehr durch Kinderschuhe oder –fahrräder versandet war, hinunter und hatte größte Mühe, den Ort unserer alten Patenschaft im Dickicht überhaupt zu finden.
Doch da war er, unübersehbar: ein neuer Zaun, perfekt, sicher, mit Stacheldraht bewehrt - keine Chance mehr zum Durchklettern.
Dahinter lag, friedlich wie eh und je, der Russenfriedhof. Die Gräber waren sorgsam gepflegt, die Wege geharkt und das Unkraut gejätet, der Jägerzaun repariert. Die Kornblumen, die ich unterwegs gepflückt hatte, legte ich an den Zaun. Ich verweilte noch eine Weile und ging dann zurück zum Auto. Ich fühlte mich gut."
                                                                                                                    Copyright Michael Huber
 


Diese Fotos belegen die räumliche Nähe zwischen uns Zivilisten  und den Soldaten. Das große Backstein-gebäude im Hintergrund ist die 4. Hundertschaft des BGS. Man war dem Militär räumlich also wesentlich enger verbunden als der Dorfgemeinschaft.
 
Das Foto mit dem neuen Familienauto von Hubers zeigt im Vordergrund das alte  Hauptgebäude der Firma Schmitz und im Hintergrund den modernen Flachbau, der Pförtnerloge, Buchhaltung und die Chefbüros beherbergte.
 

Der obigen Erzählung hat Herr Huber noch hinzugefügt:

"Im Jahre 1963 schloss die Schule in Neu Tramm, die ich seit 1961 besucht hatte. Sie bestand zu meiner Zeit aus vier Klassen mit insgesamt 14 SchülerInnen. Das Barackenlager leerte sich langsam. Einige suchten ihr Glück in Nordrhein-Westfalen oder in Baden-Württemberg. Die Zivilbeschäftigten des BGS zogen in die sogenannten Grenzerhäuser in Dannenberg (Lüchower Straße, Kochstraße, Gartower Straße), von wo aus sie per LKW zur Arbeit gefahren wurden - später auch per Bus.
Ich ging noch von April 1963 bis Anfang 1964 in Breselenz zur Schule. Der Schulweg war nach heutigen Maßstäben eine Katastrophe: Drei Kilometer mitten durch den Wald auf sandigen Wegen, im Winter zu Fuß.
Als wir im Februar 1964 ebenfalls nach Dannenberg zogen, waren bereits einige der Schulfreunde dort. Das Barackenlager wurde immer verlassener und es wurde eine endgültige Lösung angestrebt. Der Kaufladen und die Gastwirtschaft von Rudolf Runge wurden prächtig neugebaut an der Bundesstraße in Tramm, heute heißt das Lokal Landdrostei. Etliche der ehemaligen Barackenbewohnen bekamen günstige Konditionen zum Neubau eines Eigenheims und es entstand in Tramm die Siedlung "Am Berg".
Soweit ich mich erinnere, war 1965 das Barackenlager verlassen und wurde dem Erdboden gleichgemacht. An der Stelle, an der seinerzeit die Schule und das Bürgermeisteramt war, errichtete der BGS eine Art Reihenhauskomplex mit Offizierswohnungen. Diese Gebäude stehen dort noch und sind  bewohnt. Auf dem Areal der Barackenwohnungen ist heute ein Feld.
Dieses Neu Tramm war nicht nur wegen seiner NS-Geschichte ein Phänomen. Auch wegen der Bewohner. Es ist so, als hätten die ehemaligen Barackenleute das Stigma nie richtig verkraftet. Viele von ihnen waren ja auch Flüchtlinge gewesen, die Ansehen und materielle Werte verloren hatten und in Neu Tramm als ungeliebte Gäste unter merkwürdigen Bedingungen leben mussten. Als ich als Erwachsener einige wiedertraf, war es nicht möglich, ohne Vorbehalte in die gemeinsame Vergangenheit zu schauen. (Obwohl meine Eltern offenbar sehr beliebt gewesen waren).
Viele Neu-Trammer der ersten Stunde scheinen diese Lebensphase verdrängen zu wollen, weil danach immer alles besser wurde. Es sind nur eine kleine Handvoll Menschen, die Neu Tramm so positiv in Erinnerung haben wie ich. Und sie sind in alle Winde verstreut.
Insofern freue ich mich, dass diese Website sich auch in dieser Hinsicht gegen das Vergessen wendet."

(Eine Rückmeldung im Gästebuch)

 

1967 übernimmt die Bundeswehr die Kaserne. Ca. 300 Zeit- und Berufssoldaten einer
         Fernmeldeeinheit der Luftwaffe werden stationiert, um von hier aus die Ostblock-Abhöranlagen
         im Thurauer Turm zu betreiben.

Zu dieser Einheit gehörte Eberhard Recksiek, der als Wehrpflichtiger ein Jahr Dienst im Thurauer Turm absolvierte. Er erinnert sich:

 
"Ich gehörte zu den Fernmeldesoldaten, die auf dem Turm in Thurau Dienst taten, Unterkunft war in Neu Tramm. Unsere Stammeinheit war ein Fernmeldebataillon in Rotenburg /Wümme. Ich wurde am 1.7.1969 eingezogen. Nach drei Monaten in Rotenburg ging es weiter zum Lehrgang nach Feldafing am Starnberger See.
Unterrichtsthemen waren russisch und Telegraphie (Tastfunken). Wir waren überwiegend Abiturienten. wer nicht bestand, fand als Fernschreiber Verwendung. Weihnachten 1969 ging es dann nach Neu Tramm und es folgte ein Jahr Einsatz auf dem Turm in Thurau. Wir als Heeresfunker hatten im Antennenbereich oben im Turm nur eine Etage, der Rest wurde von der Luftwaffe zu denselben Zwecken genutzt. Als Wehrpflichtige hatten wir die Uher-Tonbandgeräte zu bedienen, auf denen wir den abgehörten Sprechfunkverkehr der Roten Armee speicherten. Die Botschaften waren überwiegend in Zahlenkolonnen verschlüsselt und wurden über Fernschreiber an andere Einheiten zum Entschlüsseln übermittelt. Ein Funker horchte den Richtfunk ab. Wenn da wenig zu tun war, wurde auch schon mal in die Richtfunkstrecke Berlin-Hamburg über den Höhbeck hineingehorcht. War recht amüsant. Unsere Vorgesetzen waren überwiegend alte Feldwebel, die noch etliche Jahre in russischer Gefangenschaft gesessen hatten und die Sprache sehr gut kannten.
Der Dienst war angenehm, kein militärisches Brimborium. Da wir Wechselschichtdienst hatten und nach der letzten Schicht morgens in Urlaub entlassen wurden, hatten wir wenig Kontakt ins Umland. Es ging meistens mit einem Kameraden im Auto nach Lüneburg oder Uelzen und von da mit dem Zug nach hause (bei mir nach Bielefeld). Wir saßen dann die ganze Fahrt mit einem Kaffee, mehr war nicht drin, im leeren Speisewagen.
Beeindruckt haben mich die schöne, unzersiedelte Landschaft und die tollen Namen der Dörfer: Salderatzen, Dommatzen, Waddeweitz usw. Beeindruckend und einsam immer die Fahrt von Uelzen im Schienenbus bis Dannenberg, von da zu Fuß entlang der Straße nach Neu Tramm. Im Frühjahr freuten wir uns auf der Busfahrt von Neu Tramm nach Thurau an den zahlreichen Storchenfamilien. Eigentlich schöne Erinnerungen. Ihnen und dem schönen Wendland alles Gute."

Der Turm steht etwa 20 km von Neu Tramm entfernt.


Unterkunftsgebäude für die Soldaten des Fernmeldesektors B.


Ebenfalls eines der Unterkunftsgebäude.

Einige Fotos sandte Herr Spornhauer, der etwas früher als Herr Recksiek in derselben Einheit stationiert war (1968/69). Ihm ist noch der Kantinenwirt in Erinnerung, der oft diesen Spruch zum Besten gab:

"Kennst Du den Ort wo die Sonne nie lacht,
wo man aus Menschen Grenzer (Soldaten) macht,
wo man vergisst Moral und Tugend,
das ist Neu Tramm – das Grab meiner Jugend."

 
1974 Der Bundesgrenzschutz wird abgezogen.
1994 Die Bundeswehr gibt den Standort auf.
1997 Die rund 175 ha große Immobilie wird an die WVG-Wendland GmbH verkauft, die dort einen
         Urlaubspark errichten will. Ein Teil der Anlage wird langfristig an das Land Niedersachsen zur
          jährlich kurzzeitigen Nutzung (im November) vermietet.

Ab 2001 besteht die Nutzung der leer stehenden Kaserne in der Unterkunft für die Polizei und in der Funktion als Sammellager für gefangene Gorlebendemonstranten (GESA) bei Castortransporten.
 
 
Die Geschichte hat noch einen Kontrapunkt, denn Neu Tramm liegt im Wendland:
Neben dem allzeit abgesperrten Areal gibt es weiterhin die privaten mit Gebäude. Hier mietete sich im Jahr 2000 der "Kulturverein Raum2 e.V."  ein. Ein weiteres Zentrum von Kreativität und politischer Kultur von unten - eben Subkultur mit den Ideen für Morgen.
Kunst und Kultur haben sich an diesem historischen Ort auch mit der "KulturManufaktur" eingefunden. Mit originellen Veranstaltungen und Ausstellungen sorgen der Musiktreffpunkt "Raum 2" und die "KulturManufaktur" in den ehemaligen Fabrikräumen für eine Bereicherung der wendländischen Kulturszene.
"Das Gelände ist anders als jeder andere Ort im Wendland, von dem kulturelle Aktivitäten ausgehen. Mitunter werden Gerüchte von verschütteten Geheimgängen laut, oder jemand hat den Eindruck, in den Kellerräumen einem Geist zu begegnen."
Und wenn in den letzten Jahren nach erfolgtem Castortransport die traumatisierten Gefangenen aus der alten Kaserne wieder vor das Tor geschoben wurden, ohne Möglichkeit, Verkehrsmittel zu erreichen, betreute der Kulturverein die Freigelassenen.
 
Noch etwas gehört zu Neu Tramm. Man erreicht es auf gut ausgeschildertem Umweg um das Sperrgebiet: Das in den letzten Jahren von Liebhabern umfangreich ausgebaute und bestückte Feuerwehr-Museum. Vom ledernen Löscheimer über Handdruckspritzen bis hin zu „modernen“ Löschfahrzeugen aus den 1960er Jahren.

Feuerwehr-Museum

 
 

In der Tour sind wir noch im Kapitel der NS-Zeit und versuchen, die spärlichen Informationen über eine weitere Rüstungsfabrik zu sammeln. Bevor in Neu Tramm die Rüstungsproduktion richtig anläuft, geht in Dragahn eine noch größere "Kleine-Bomben-Fabrik" in Betrieb, die ebenso geheim im Wald versteckt liegt.

Dragahn 1933-1945
 
Mehr zur Kindheit in Neu Tramm in den Sechzigerjahren

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